Die Zahlen, die Konzernchef Carsten Spohr am Freitagmorgen in Frankfurt präsentierte, lesen sich wie ein Befreiungsschlag. Mit einem operativen Gewinn (Ebit) von 1,96 Milliarden Euro und dem umsatzstärksten Jahr der Konzerngeschichte hat die Lufthansa-Gruppe die Turbulenzen der Vorjahre hinter sich gelassen. Sogar die Kernmarke Lufthansa Classic, lange das Sorgenkind der Flotte, hat mit 148 Millionen Euro den Sprung zurück in die schwarzen Zahlen geschafft. Doch während die Dividende steigt, ziehen am Horizont dunkle Gewitterwolken auf, die nichts mit dem Wetter, aber alles mit Geopolitik zu tun haben.

Der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus haben die Spielregeln der Luftfahrt über Nacht verändert. Der Ölpreis der Sorte Brent ist von 60 Dollar zu Jahresbeginn auf rund 80 Dollar nach oben geschossen. Für einen Konzern, der im vergangenen Jahr noch von einer halben Milliarde Euro Kostenentlastung durch günstiges Kerosin profitierte, ist das ein systemisches Risiko. Die mühsam erkämpfte Restrukturierung der Kernmarke steht nun vor ihrer ersten, brutalen Bewährungsprobe.
Die Restrukturierung der Kernmarke liefert erste Erfolge gegen den Kosten-Sturzflug
Dass die Lufthansa Classic Gruppe – zu der auch Discover Airlines und die neuen Zubringer gehören – wieder profitabel fliegt, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Rosskur. Stückkosten werden gesenkt, unrentable Zubringerdienste auf günstigere Tochtergesellschaften verlagert. Zudem profitierte die Airline 2025 von einem deutlich stabileren Flugbetrieb: Die Ausgaben für Passagierentschädigungen und Hotelgutscheine sanken um beeindruckende 362 Millionen Euro.
Doch CEO Jens Ritter, der erst kürzlich optimistische Signale zur Kostenkontrolle sendete, muss nun umplanen. Die Eskalation im Nahen Osten zwingt die Jets auf teure Umwege um gesperrte Lufträume. Jede zusätzliche Flugminute kostet Treibstoff, der täglich teurer wird. Der interne Umbau, der die Premiummarke dauerhaft wetterfest machen sollte, wirkt plötzlich fragil gegenüber externen Schocks, die kein Management der Welt kontrollieren kann.

Lufthansa Technik und Cargo bleiben die unverzichtbaren Lebensversicherungen des Konzerns
Während das Passagiergeschäft mühsam um Margen kämpft, liefern die „stillen Riesen“ der Gruppe verlässlich ab. Lufthansa Technik und die Frachttochter Lufthansa Cargo steuerten zusammen 927 Millionen Euro zum Betriebsergebnis bei – das ist fast die Hälfte des gesamten Konzerngewinns. Diese Diversifizierung ist in Krisenzeiten die Lebensversicherung des Kranichs.
Besonders die Technik-Sparte profitiert von der alternden Weltflotte und dem immensen Wartungsbedarf. Doch auch hier gilt: Steigen die Logistikkosten durch die Energiekrise, geraten die Margen unter Druck. Dass die Passagier-Töchter Swiss, Brussels und Eurowings zwar Gewinne ausweisen, aber operativ Rückgänge hinnehmen mussten, zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem sich die europäische Luftfahrt derzeit bewegt.
Die Prognose-Angst: Wenn der Ölpreis zur unberechenbaren Variablen wird
Finanzchef Till Streichert gab sich bei der Bilanzvorlage betont vorsichtig. Zwar hält der Konzern offiziell an seinem Ziel einer weiteren Ergebnissteigerung fest, doch der Zusatz „gerade in diesen Tagen“ spricht Bände. Die Situation im Mittleren Osten macht eine präzise Prognose nahezu unmöglich. Moody’s-Analysten warnen bereits, dass die höheren Ölpreise das Risiko für die gesamte Branche massiv erhöhen.
Sollte der Ölpreis dauerhaft auf dem aktuellen Niveau verharren oder gar die 100-Dollar-Marke knacken, könnten die Früchte der Restrukturierung schneller aufgezehrt sein, als die neue Kabinenausstattung „Allegris“ verbaut ist. Die Lufthansa wettet auf ihre neue Effizienz und die anhaltende Reiselust im Premium-Segment, doch der Treibstoff-Preis bleibt das Damoklesschwert über dem Frankfurter Jubiläumsjahr.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Lufthansa hat ihre Hausaufgaben gemacht, aber die Welt um sie herum ist unberechenbarer geworden. Der Kranich fliegt wieder in der Gewinnzone – doch der Wind kommt jetzt scharf von vorn.



