Die Rückkehr der Atomkraft ist für die CSU keine theoretische Debatte mehr, sondern ein politisches Projekt. Bei ihrer Klausur Anfang Januar will die Partei einen Plan beschließen, der Deutschland zum Vorreiter einer nuklearen Kreislaufwirtschaft machen soll – trotz Atomausstiegs und abgeschalteter Meiler.
Die CSU stellt den Atomausstieg grundsätzlich infrage
In einem Positionspapier, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt, formuliert die CSU ein klares Ziel: Kernenergie ohne radioaktive Abfälle. Der Weg dorthin soll über Wiederaufbereitung und neue Technologien führen. Deutschland solle nicht nur einsteigen, sondern weltweit eine führende Rolle übernehmen.
Adressiert wird damit vor allem ein wirtschaftliches Argument. Hohe Strompreise, wachsende Industriebelastung und der gleichzeitige Druck durch Klimaziele bilden den politischen Resonanzraum, in dem die CSU ihre Initiative verortet. Der Atomausstieg von 2011 und die endgültige Abschaltung der letzten Kraftwerke 2023 werden im Papier nicht als unumkehrbar behandelt.
Wiederaufbereitung und Transmutation stehen im Zentrum
Kern des Konzepts ist die sogenannte Transmutation. Dabei wird langlebiger radioaktiver Abfall durch neue physikalische Verfahren in Stoffe mit deutlich kürzerer Halbwertszeit umgewandelt. Die CSU argumentiert, dass sich so das Volumen und die Gefährlichkeit des Endlagerguts massiv reduzieren ließen.

Darüber hinaus verweist das Papier auf industrielle Nebeneffekte. In radioaktiven Abfällen seien wertvolle Materialien enthalten, darunter Edelmetalle, die durch Wiederaufbereitung zurückgewonnen werden könnten. Der Atommüll würde damit nicht nur entschärft, sondern teilweise zu einem Rohstoff.
Kleine Reaktoren und neue Generationen bleiben politisch umstritten
Neben der Abfallfrage erneuert die CSU ihre Forderung nach Small Modular Reactors sowie nach Kernkraftwerken der vierten und fünften Generation. Diese Technologien gelten als sicherer, flexibler und besser integrierbar in moderne Energiesysteme.
Politisch ist das ein Alleingang. In den Koalitionsverhandlungen mit der SPD hatten sich CDU und CSU mit diesen Punkten nicht durchgesetzt. Der Vorstoß aus Bayern markiert damit bewusst einen Gegenakzent zur bisherigen Bundesregierung.
Kernfusion als langfristige Klammer
Konsensfähig bleibt die Kernfusion. Das Ziel, den ersten funktionsfähigen Fusionsreaktor weltweit in Deutschland zu errichten, wird von Union und SPD gleichermaßen getragen. Allerdings ist die Zeitschiene lang. Fachleute rechnen nicht vor den 2030er- oder 2040er-Jahren mit einer Marktreife.
Für Bayern ist das Thema dennoch strategisch relevant. Mit Unternehmen wie Proxima, Marvel und Gauss ist der Freistaat ein zentraler Standort der deutschen Fusionsforschung. Die CSU bindet das Zukunftsthema gezielt in ihre energiepolitische Erzählung ein.
Seeon wird zur energiepolitischen Bühne
Die Beschlussfassung soll bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe im Kloster Seeon erfolgen. Dort will die Partei traditionell politische Leitplanken für das neue Jahr setzen. Erwartet werden unter anderem Landesgruppenchef Alexander Hoffmann und Parteivorsitzender Markus Söder.
Zum Abschluss der Tagung wird auch Bundeskanzler Friedrich Merz erwartet. Gespräche mit dem litauischen Präsidenten Gitanas Nauseda und Finnlands Außenministerin Elina Valtonen unterstreichen den außenpolitischen Rahmen der Klausur.
Der Konflikt ist programmiert
Mit ihrem Vorstoß bringt die CSU eine Debatte zurück, die politisch als erledigt galt. Der Anspruch, Atomkraft neu zu denken und gleichzeitig Endlagerprobleme technologisch zu lösen, trifft auf Skepsis bei Umweltverbänden, Teilen der Wissenschaft und beim Koalitionspartner SPD.
Fest steht: Die Energiepolitik bleibt ein Konfliktfeld. Und die CSU signalisiert, dass sie bereit ist, den grundsätzlichen Kurs der vergangenen 15 Jahre offen infrage zu stellen – mit dem Anspruch, nicht nur mitzureden, sondern voranzugehen.


