Pekings Beutezug
95 Übernahmen von Minen und Raffinerien in nur zehn Jahren – keine Nation hat weltweit mehr Rohstoff-Deals abgeschlossen als China. Australien, Kongo, Simbabwe, Indonesien: Chinesische Firmen sichern sich Anteile an den ergiebigsten Vorkommen, während US-Unternehmen gerade einmal 59 Transaktionen verbuchten. Die Europäische Union? Sie kommt auf 45.
Mit dieser aggressiven Einkaufstour hat Peking den Abstand zu den westlichen Industrienationen systematisch vergrößert. Seltene Erden, Kobalt, Graphit – wer die Zukunftstechnologien von Batterien bis Rüstung kontrollieren will, braucht Zugang zu diesen Rohstoffen. Und genau den sichert sich China seit Jahrzehnten mit strategischem Kalkül.
Abhängigkeit als Hebel
Die Dominanz ist längst Realität. Rund 70 Prozent der seltenen Erden stammen heute aus chinesischen Minen, bei der Verarbeitung liegt der Weltmarktanteil bei fast 90 Prozent. Bei manchen Mineralien wie Graphit oder Dysprosium kontrolliert China faktisch den gesamten Markt.
Die Folgen spüren deutsche Unternehmen bereits: Als Peking im Frühjahr seltene Erden auf die Exportkontrollliste setzte, standen in Europa Produktionslinien still. Ein Vorgeschmack darauf, was es heißt, wenn ein geopolitischer Rivale den Hahn zudreht.
„Die Europäer prüfen Projekte zu Tode, während Chinesen längst Fakten schaffen.“
Europas Bummeltempo
Während China Tempo macht, verliert Europa sich in endlosen Prüfungen und politischen Ankündigungen. Zwar existiert seit 2024 ein „Gesetz zu kritischen Rohstoffen“, doch die ersten Projekte kommen schleppend voran. Von den 43 strategischen Vorhaben in Europa oder befreundeten Drittstaaten dürfte frühestens 2030 nennenswert Material fließen.

Branchenkenner wie Stefan Müller von der DGWA sprechen von einer strukturellen Selbstblockade. „Die Europäer prüfen Projekte zu Tode, während Chinesen längst Fakten schaffen“, sagt er. Kurzfristige Gewinninteressen hätten zudem lange verhindert, dass Unternehmen überhaupt in die riskante Frühphase von Bergbauprojekten einstiegen.
Afrikas Minen, Chinas Schatz
Besonders deutlich zeigt sich die Asymmetrie in Afrika. In der Demokratischen Republik Kongo, die 76 Prozent des weltweiten Kobalts liefert, gehören chinesischen Investoren die größten Anteile an den Schlüsselfirmen. Auch in Simbabwe und Südafrika hat sich Peking Zugang gesichert.
Das lukrativste Geschäft: der Einstieg in die Tenke-Fungurume-Mine, eines der größten Kupfer- und Kobaltvorkommen der Welt. Schon 2016 kaufte ein chinesischer Fonds einen großen Anteil – und sicherte Peking damit langfristig Einfluss auf einen der wichtigsten Rohstoffe der Elektromobilität.
Australien im Fokus
Besonders aggressiv drängt China auch nach Australien. 44 Deals haben chinesische Firmen dort seit 2015 abgeschlossen – viermal so viele wie die USA, noch deutlicher mehr als Europa. Die Volksrepublik ist längst zum größten ausländischen Investor im australischen Bergbau geworden.
Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in Australien befindet sich die weltweit einzige Anlage außerhalb Chinas, die schwere seltene Erden industriell verarbeiten kann. Auch hier sitzen chinesische Unternehmen längst mit am Tisch.
Die strategische Lektion
Während Peking seinen Vorsprung konsequent ausbaut, bleibt Europa abhängig – und damit erpressbar. Selbst die USA, die mehr Rohstoffe selbst fördern, haben ihre Strategie geändert und investieren aggressiv in neue Projekte, oft auch mit politischem Druck.
China dagegen verfolgt seit den 1970er-Jahren eine Langfriststrategie, die inzwischen Früchte trägt: Exportkontrollen, Investitionen, Produktionsdominanz. Europa wirkt dagegen wie ein Zuschauer in einem Rennen, dessen Ausgang längst entschieden scheint.
Der Preis der Trägheit
Dass Europas strategische Autonomie bei der Energie- und Rüstungspolitik auf wackligen Beinen steht, ist das Ergebnis von Versäumnissen, die sich über Jahrzehnte angehäuft haben. China hat verstanden, dass Rohstoffe nicht nur ein Wirtschaftsgut sind, sondern eine geopolitische Waffe.
Für Deutschland und die EU bedeutet das: Wer nicht endlich Tempo macht, wird auch in Zukunft die Spielregeln nicht bestimmen, sondern diktiert bekommen.
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