18. Juli, 2024

Technologie

Ariane 6: Europas Hoffnung hebt ab

Ariane 6: Europas Hoffnung hebt ab

Josef Aschbacher, Chef der europäischen Raumfahrtbehörde ESA, sieht optimistisch auf den bevorstehenden Erstflug der neuen Trägerrakete Ariane 6. Er betonte, dass die Rakete Europa entscheidend ins All bringen werde. „Ich empfinde alle möglichen Gefühle, während wir uns darauf vorbereiten, die europäische Geschichte, die Zukunft Europas und Generationen von Europäern zu beeinflussen“, teilte Aschbacher via Kurznachrichtendienst X mit.

Nach einer zehnjährigen Wartezeit soll der Jungfernflug der Ariane 6 nun starten. Am Dienstagabend, mit einer einstündigen Verzögerung, plant die ESA den Lift-off vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou, Französisch-Guayana. Das Zeitfenster für den Start wurde ursprünglich von 20.00 bis 24.00 Uhr festgelegt.

Die Hoffnungen sind groß: Ariane 6 soll Europa aus der Krise im Trägerraketensektor herausführen. Aktuell hat der Kontinent keine eigenen Möglichkeiten, Satelliten ins All zu befördern. Doch selbst wenn es regnet, bleibt die ESA zuversichtlich: Das mobile Gerüst wurde weggeschoben, um die Rakete zu starten. Der Raumtransportdirektor der ESA, Toni Tolker-Nielsen, gibt sich mit einer 96-prozentigen Zuversicht optimistisch. „Wir haben alles getan, was getan werden musste. Jetzt müssen wir starten“, erklärte er.

Die Ariane 6, 56 Meter hoch und 540 Tonnen schwer, hat einen nahezu dreistündigen Flug vor sich. Neben technischen Passagieren aus Deutschland, wie der Raumkapsel Nyx Bikini von The Exploration Company und den Satelliten OOV-Cube von RapidCubes sowie Curium One von Planetary Transportation Systems, trägt sie die Hoffnung Europas.

Sollte der Erstflug erfolgreich verlaufen, werde Europa ein Comeback feiern, so Tolker-Nielsen. Dies müsse jedoch durch eine Steigerung der Produktionskapazitäten und einen stabilen Startrhythmus gefestigt werden. Auch ESA-Chef Aschbacher mahnte: „Dies ist nur der erste Schritt, wir haben noch viel Arbeit vor uns.“

ArianeGroup sieht den Erstflug als Chance, mehr über die Rakete zu lernen. „Der Erstflug ist eine einzigartige Möglichkeit, zu schauen, was wir mit dieser Rakete machen können“, sagte Franck Huiban, Leiter der zivilen Programme bei ArianeGroup. Anders als bei kommerziellen Kunden ermögliche der Testflug es, unerwartete Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Ariane 6 ist das Nachfolgemodell der von 1996 bis 2023 eingesetzten Ariane 5 und soll Satelliten für kommerzielle sowie öffentliche Zwecke ins All transportieren. Trotz ihrer geringeren Kosten ist sie auf moderne Anforderungen zugeschnitten, als modulare und flexible Rakete konzipiert.

Deutschland spielt eine wichtige Rolle bei den Neuerungen der Ariane 6. Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR, betonte die Bedeutung der wiederzündbaren Oberstufe, die in Deutschland entwickelt und gefertigt wurde. Dank dieses bis zu viermal zündbaren Vinci-Triebwerks können Satelliten in verschiedene Orbits ausgeliefert werden.

Die Oberstufe wird in Bremen montiert, die Tanks kommen aus Augsburg und Ottobrunn, und das Triebwerk wurde in Lampoldshausen getestet. Deutschland ist finanziell stark beteiligt und hat etwa 20 Prozent der Gesamtkosten von rund vier Milliarden Euro geschultert. Ein Dutzend ESA-Länder haben zur Entwicklung beigetragen.

Doch nicht alle sind voll des Lobes. Martin Tajmar von der TU Dresden kritisiert, dass die Ariane 6 nicht auf dem neuesten Stand der Technik sei. Bereits 2015 habe SpaceX mit der Falcon-9-Rakete das Zeitalter der wiederverwendbaren Raumfahrt eingeleitet. ESA-Raumtransportdirektor Toni Tolker-Nielsen stellte jedoch in Aussicht, dass die nächste Generation der Ariane-Raketen wiederverwendbar sein werde.

Die zentrale Aufgabe der Ariane 6 sieht Tajmar darin, Europas Zugang zum All wiederherzustellen und damit die Unabhängigkeit zu sichern. Die letzte Ariane 5 startete vor fast einem Jahr, seitdem hat Europa keine eigenen größeren Satellitenstarts mehr durchgeführt und war auf Raketen von SpaceX angewiesen.

Auch für kleinere Satelliten gibt es derzeit keine europäische Alternative. Der erste kommerzielle Start der Vega C scheiterte im Dezember 2022. Für November ist ein neuer Versuch geplant. Der Erststart der Ariane 6 sei daher sowohl strategisch als auch industriepolitisch bedeutsam, betonte Pelzer. Trotz aller Vorsicht herrscht bei der ESA Optimismus: „Es wurde alles getan, damit es ein Erfolg wird. Wenn es scheitert, wäre das wirklich schlimm“, so Tolker-Nielsen.