22. Februar, 2024

Wirtschaft

Arbeitnehmer vor entscheidender Tarifrunde: Reallöhne auf dem Prüfstand

Arbeitnehmer vor entscheidender Tarifrunde: Reallöhne auf dem Prüfstand

Im Sog der anhaltenden Inflationsdynamik richtet sich der Blick der Arbeitnehmervertreter auf die kommenden Tarifverhandlungen, die erhebliche Gehaltsanpassungen versprechen könnten. Mit der Feststellung, dass die Reallöhne im Zuge der Inflation auf das Niveau von 2016 gesunken sind, gibt Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs bei der Hans-Böckler-Stiftung, den Startschuss für einen potenziell intensiven Verhandlungsmarathon. Der Experte prognostiziert eine konfliktreiche Tarifrunde, die von zahlreichen Arbeitskämpfen begleitet werden könnte.

Aufgrund der besorgniserregenden Reallohneinbußen, insbesondere in den Jahren 2021 und 2022, ist nach Schultens Einschätzung ein bedeutsamer Lohnaufschwung unausweichlich. Im Vorjahr wurde zwar die Kaufkraft weitgehend erhalten, doch um die vorangegangenen drastischen Verluste zu kompensieren, bedarf es ansehnlicher Lohnsteigerungen. 2023 offenbart sich trotz eines Anstiegs der Tariflöhne um 5,5 Prozent und übertroffener Vorjahresergebnisse, angesichts einer Inflationsrate von 5,9 Prozent, ein spürbarer Rückgang der Reallöhne um etwa 0,4 Prozent. Allerdings könnten zusätzliche Inflationsausgleichsleistungen die finanzielle Situation der Beschäftigten aufbessern.

In den vergangenen Tarifrunden schwankten die Forderungen zwischen respektablen 8 bis 15 Prozent mehr Lohn, nicht selten flankiert von Mindestlohnsteigerungen, die vorrangig Niedrigverdienern zu Gute kommen sollten. Besonders herausfordernde Verhandlungen und die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten kennzeichneten das vergangene Jahr.

2024 könnte durch ambitionierte Lohnzuwächse zu einer Stabilisierung der brüchigen Wirtschaftslage beitragen, meint Schulten. Eine auf zwei bis drei Prozent prognostizierte Inflation könnte zwar reale Einkommenssteigerungen erleichtern, doch erwartet Schulten weiterhin harte Auseinandersetzungen.

Vor dem Hintergrund, dass Verhandlungen über die Entgelte von 12 Millionen Tarifbeschäftigten anstehen, zeigt sich die Bedeutung dieses Tarifjahres. Wichtige Branchen wie die Metall- und Elektroindustrie, die Chemiebranche und das Bauhauptgewerbe sowie der öffentliche Dienst von Bund und Kommunen stehen vor entscheidenden Gesprächen. Besonders augenfällig ist der Handlungsbedarf bei der Deutschen Telekom und im Baugewerbe.