Anthropic bereitet seine bislang größte Übernahme vor
Das KI-Unternehmen Anthropic verhandelt laut mit der Angelegenheit vertrauten Personen über den Kauf des Start-ups Decart AI für rund 6 Milliarden Dollar. Sollte der Deal tatsächlich zustande kommen, wäre es die größte bekannte Übernahme in der Geschichte von Anthropic, einem Unternehmen, das bislang nur selten große Zukäufe getätigt hat. Die Gespräche sind nach Angaben der Insider noch nicht final abgeschlossen und könnten grundsätzlich noch scheitern.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt des möglichen Deals, er fällt mitten in die Vorbereitungsphase für einen mit Spannung erwarteten Börsengang von Anthropic. Eine derart große Übernahme kurz vor einem geplanten IPO signalisiert, wie aggressiv sich das Unternehmen weiterhin um technologische Vorsprünge bemüht, selbst während parallel die Kapitalmarktreife vorbereitet wird.

Decarts Technologie soll die eigene Recheninfrastruktur effizienter machen
Im Zentrum des Interesses von Anthropic steht dabei weniger ein fertiges Produkt als vielmehr eine Basistechnologie. Decart entwickelt sogenannte Weltmodelle, die darauf abzielen, die physische Welt realistisch zu simulieren, sowie Software, die die Kosten des KI-Trainings senken kann, indem sie Chips effizienter arbeiten lässt. Genau diese zweite Fähigkeit könnte laut einer mit der Sache vertrauten Person helfen, die bestehende Infrastruktur von Anthropic eine größere Nachfrage bewältigen zu lassen, ein wichtiger Faktor angesichts der massiven Ausgaben, die Anthropic bereits für Rechenkapazität aufwendet, um neue Produkte zu entwickeln und Kunden zu bedienen.

Das Team von Decart soll im Falle einer Übernahme in die für Inferenz und Performance zuständige Organisationseinheit von Anthropic integriert werden, wie eine der informierten Personen mitteilte.
Vom Modehandel bis zum Livestream, wofür Decarts Technik heute schon genutzt wird
Decarts Weltmodelle richten sich an eine breite Palette von Geschäftsanwendungen, darunter autonomes Fahren und den Onlinehandel. Das hauseigene KI-Modell namens Lucy kann etwa Live-Videoaufnahmen einer Person aufnehmen und daraus in Echtzeit ein hochauflösendes Video erzeugen, das die Person scheinbar tatsächlich ein Kleid oder eine Handtasche anprobieren lässt, eine Aufgabe, an der sich Entwickler von Modehandels-Technologie lange die Zähne ausgebissen haben, insbesondere die realistische Darstellung von Stoffen galt bislang als große Hürde. Der Onlinehändler eBay, selbst Investor bei Decart, zählt ebenfalls zu den Kunden des Start-ups.
Firmenchef Dean Leitersdorf erklärte bei einem Bühnengespräch mit Bloomberg News auf der Raise-AI-Konferenz in Paris im Juli, das Unternehmen trainiere seine KI mit Text sowie Millionen Stunden an Videomaterial, um ein Verständnis für die Simulation physikalischer Eigenschaften der realen Welt zu entwickeln. Die Technologie von Decart komme bereits heute beim Livestreaming auf Plattformen wie Twitch, TikTok und YouTube zum Einsatz, genutzt etwa von Influencern wie CodeMiko, sowie von Werbefirmen und anderen Unternehmen.

Auch SpaceX soll bereits Interesse gezeigt haben
Decart selbst hatte im Mai eine Finanzierungsrunde über 300 Millionen Dollar unter Führung von Radical Ventures abgeschlossen, an der sich unter anderem Nvidia, Atreides Management, Valor Equity Partners und Adobe Ventures beteiligten, ergänzt um bestehende Investoren wie Sequoia Capital, Benchmark und Zeev Ventures. Die Runde bewertete das 2023 von den israelischen Brüdern Dean und Orian Leitersdorf sowie Moshe Shalev gegründete Start-up mit fast 4 Milliarden Dollar, ein deutlicher Sprung gegenüber den 3,1 Milliarden Dollar vom August 2025.
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte zuletzt ein Bericht des israelischen Wirtschaftsmediums Calcalistech, wonach Decart auch mit SpaceX über eine mögliche Übernahme verhandelt habe. Tech-Milliardär Elon Musk bezeichnete diesen Bericht auf seiner Plattform X allerdings als „Fake News“.
Der Wettlauf um Recheninfrastruktur treibt die gesamte Branche zu immer größeren Ausgaben
Die möglichen Verhandlungen zwischen Anthropic und Decart reihen sich in einen branchenweiten Trend ein, bei dem führende KI-Labore wie OpenAI und Anthropic jeweils zig bis hunderte Milliarden Dollar für Rechenzentren mit teuren Chips zugesagt haben. Zunehmend setzen die Unternehmen dabei auf Hardware aus einem breiten Mix verschiedener Anbieter, um ihren rasant wachsenden Rechenbedarf zu decken. Diese enormen Ausgaben, die nach Angaben der Unternehmen notwendig seien, um Modelle an der technologischen Spitze zu entwickeln und zu betreiben, könnten die beteiligten KI-Start-ups zugleich belasten, gerade jetzt, da sich mehrere von ihnen in den kommenden Monaten auf ihr Debüt an der Wall Street vorbereiten.

