31. Januar, 2026

Quartalszahlen

American Express liefert solide Zahlen – und wird dafür verkauft

Der Kurs reagiert kühl, obwohl die Zahlen warm sind. American Express legt zum Jahresende 2025 bei Umsatz und Gewinn zu, bleibt aber hinter der Dynamik der Branche zurück. Während Anleger bei Wettbewerbern Wachstumsfantasie kaufen, sehen sie bei Amex vor allem eines: Kreditrisiko.

American Express liefert solide Zahlen – und wird dafür verkauft
American Express steigert Umsatz und Gewinn, doch höhere Risikovorsorge und politische Unsicherheit belasten die Aktie.

Im vierten Quartal kletterten die Erlöse um zehn Prozent auf knapp 19 Milliarden US-Dollar. Der Gewinn stieg um 13 Prozent auf rund 2,5 Milliarden Dollar. Auf Jahressicht verdiente der Konzern 10,8 Milliarden Dollar – sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Zahlen, die für viele Unternehmen ein Kursfeuerwerk auslösen würden. Bei Amex nicht.

Der Markt vergleicht American Express mit den falschen Maßstäben

Der unmittelbare Vergleich fällt hart aus. Visa und MasterCard profitieren stärker von der anhaltenden Konsumlust in den USA. Beide sind reine Zahlungsabwickler, sie tragen kein eigenes Kreditrisiko. Mehr Transaktionen bedeuten dort fast automatisch höhere Margen.

American Express spielt in einer anderen Liga. Das Unternehmen wickelt nicht nur Zahlungen ab, sondern vergibt selbst Kredite. Das Geschäftsmodell ist kapitalintensiver, riskanter – und in guten Zeiten lukrativer. In unsicheren Phasen dreht sich dieser Hebel gegen den Konzern.

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Der Markt preist diesen Unterschied ein. Während Visa und MasterCard als Profiteure jeder zusätzlichen Kartenzahlung gelten, wird Amex als Kreditgeber bewertet. Und Kreditgeber werden an der Qualität ihres Portfolios gemessen, nicht an der reinen Umsatzentwicklung.

Höhere Risikovorsorge rückt in den Mittelpunkt

Der entscheidende Satz in der Bilanz steht nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung, sondern unter den Rückstellungen. American Express legte im vierten Quartal 1,4 Milliarden Dollar für mögliche Kreditausfälle zurück – mehr als ein Jahr zuvor.

Diese Vorsorge ist kein Alarmzeichen, aber ein Signal. Sie zeigt, dass das Management mit einer steigenden Ausfallwahrscheinlichkeit rechnet. In einem Umfeld hoher Zinsen und schwindender Kaufkraft ist das eine nüchterne Annahme.

Für Investoren bedeutet das: Ein Teil des heutigen Gewinns ist bereits für morgen verplant. Jeder Dollar, der in die Risikovorsorge fließt, fehlt für Dividenden, Aktienrückkäufe oder zusätzliches Wachstum. Der Markt reagiert darauf empfindlich, selbst wenn die absolute Ertragslage stabil bleibt.

Das Premium-Modell schützt – aber nicht vollständig

American Express setzt konsequent auf zahlungskräftige Kunden. Hohe Kartengebühren finanzieren Reisevorteile, exklusive Rabatte und Zugang zu Lounges. Dieses Modell sorgt für eine überdurchschnittliche Kundenbindung und historisch niedrigere Ausfallraten als im Massenmarkt.

Doch auch Premiumkunden sind nicht immun gegen wirtschaftlichen Druck. Steigende Lebenshaltungskosten, hohe Hypothekenzinsen und teure Konsumkredite treffen längst nicht mehr nur einkommensschwache Haushalte. Der Unterschied liegt im Timing, nicht in der Richtung.

Das erklärt, warum der Markt die höhere Risikovorsorge ernst nimmt. Sie passt nicht zum Bild eines ausschließlich resilienten Premiumportfolios. Sie deutet darauf hin, dass selbst im oberen Einkommenssegment Vorsicht angebracht ist.

Politische Eingriffe verändern die Spielregeln

Hinzu kommt ein politischer Unsicherheitsfaktor, der speziell American Express trifft. US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, Kreditkartenzinsen für ein Jahr auf maximal zehn Prozent zu deckeln. Die Ankündigung ist politisch motiviert, die Umsetzung offen – ihre Wirkung auf den Markt wäre dennoch erheblich.

Für Zahlungsabwickler ohne eigenes Kreditbuch wäre eine solche Maßnahme nahezu irrelevant. Für American Express nicht. Ein Zinsdeckel würde direkt auf die Ertragskraft des Kreditgeschäfts zielen und die Kalkulation von Risiken verändern.

Noch ist unklar, ob und in welcher Form der Plan realisiert wird. Doch Kapitalmärkte warten nicht auf Gesetzestexte. Sie bewerten Wahrscheinlichkeiten. Und sie reduzieren Bewertungen, wenn regulatorische Eingriffe nicht mehr ausgeschlossen sind.

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Die Zinsrealität spricht gegen einfache Lösungen

Die Dimension des Vorschlags zeigt, wie tief das Problem reicht. Nach Daten der Federal Reserve lag der durchschnittliche Kreditkartenzins Ende 2024 bei rund 21,5 Prozent. Ein Deckel von zehn Prozent wäre mehr als eine Halbierung – und würde das Geschäftsmodell vieler Kreditkartenanbieter fundamental verändern.

Für American Express wäre das besonders schmerzhaft, weil der Konzern nicht nur Gebühren verdient, sondern Zinsen als zentralen Ertragspfeiler nutzt. Selbst ein temporärer Eingriff könnte nachhaltige Effekte haben, etwa durch restriktivere Kreditvergabe oder höhere Gebühren an anderer Stelle.

Anleger suchen Sicherheit, nicht nur Wachstum

Der Kursrückgang von rund drei Prozent ist vor diesem Hintergrund weniger ein Urteil über das Quartal als über das Umfeld. American Express liefert solide operative Ergebnisse, aber es fehlen die klaren Wachstumstreiber ohne Nebenrisiken.

Visa und MasterCard stehen für Skalierung ohne Kreditrisiko. American Express steht für ein integriertes Modell mit höherer Rendite – und höherer Unsicherheit. In Phasen politischer Eingriffe und steigender Ausfallrisiken entscheiden sich viele Investoren für das einfachere Narrativ.

Das macht die Aktie nicht unattraktiv. Es macht sie anspruchsvoller. Wer investiert, setzt darauf, dass das Premium-Modell auch unter regulatorischem Druck trägt und dass die Risikovorsorge ausreicht, um mögliche Ausfälle abzufedern.

Der Markt glaubt das derzeit nur mit Abschlag.

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