In den gläsernen Fluren des ZF-Forums in Friedrichshafen herrschte lange das Gefühl der Unantastbarkeit, während in den Werkhallen längst die Bänder stillstanden. Doch dieses Privileg ist nun Geschichte. ZF-Chef Mathias Miedreich hat die Samthandschuhe ausgezogen und eine Botschaft gesendet, die wie ein Schockwellen-Impuls durch die Bürotürme rast: Die Verwaltung muss bluten. Es geht nicht mehr um homöopathische Korrekturen, sondern um die schiere Existenz in einer Branche, die sich in einem brutalen Transformations-Würgen befindet.

Hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Machtkampf um die Deutungshoheit dieses beispiellosen Rückzugsgefechts. Während die Konzernführung von „Verschlankung der Zentralressorts“ spricht, nennen Insider das Kind beim Namen: Es ist der Versuch, einen chronisch überdimensionierten „Wasserkopf“ operativ zu entfernen. Betroffen ist das gesamte Nervensystem des Konzerns – von den Finanzen über das Marketing bis hin zum Personalwesen.
Das Freiwilligen-Diktat bricht die letzte Bastion der Verwaltung
Der Plan ist perfide und effizient zugleich. Statt mit der Brechstange betriebsbedingter Kündigungen vorzugehen, setzt ZF auf den goldenen Handschlag. Ein neues Abfindungsprogramm soll jene 4.500 Verwaltungsmitarbeiter in Deutschland dazu bewegen, ihren Schreibtisch freiwillig zu räumen. Die Konditionen sind identisch mit denen der krisengeschüttelten Antriebssparte – ein klares Signal, dass das Management keine Hierarchieunterschiede mehr macht, wenn es um das Einsparen von Milliarden geht.
„Wir müssen auf jeden Fall schlanker werden in der Verwaltung“, stellte Miedreich unmissverständlich klar. Der Druck ist gewaltig: Weltweit beschäftigt ZF 161.000 Menschen, doch die Schwäche der Automobilindustrie zwingt den Riesen in die Knie. Allein in Deutschland sollen bis zu 14.000 Stellen gestrichen werden. Dass nun die „Zentralfunktionen“ ins Visier geraten, ist das Eingeständnis, dass die bisherigen Sparmaßnahmen an der Basis nicht ausgereicht haben.

Besonders brisant ist das Timing. Während ZF die „Strukturkommission“ zur Festlegung der Zielkorridore bilden will, lähmen die anstehenden Betriebsratswahlen den Prozess. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn bis zum 30. Juni 2026 soll das Urteil über die künftige Personalstärke endgültig gefällt sein. Wer bis dahin nicht geht, findet sich in einer Organisation wieder, die bis zur Unkenntlichkeit zusammengestrichen wurde.
Gewerkschaftlicher Pyrrhussieg gegen den radikalen 20-Prozent-Plan
Der Betriebsrat versucht verzweifelt, die Trümmer als Erfolg zu verkaufen. In internen Mitteilungen brüstet sich die Arbeitnehmervertretung damit, einen pauschalen Kahlschlag verhindert zu haben. Ursprünglich wollte der Vorstand offenbar jede fünfte Stelle in der Verwaltung streichen – eine Quote von 20 Prozent, die weltweit 3.000 Köpfe gekostet hätte. „Das haben wir verhindert“, tönt es aus dem Intranet. Doch die Realität ist weit weniger glanzvoll.
Statt fixer Quoten gibt es nun „individuelle Betrachtungen“ und „Zielkorridore“. In der Sprache der Sanierer bedeutet das: Der Abbau findet trotzdem statt, nur eben schleichend und unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit. „Wer Personal abbaut, baut gleichzeitig Erfahrung, Know-how, Innovationskraft und Qualität ab“, warnt der Betriebsrat. Es ist ein klassisches Dilemma: Ein Unternehmen, das sich gesundschrumpfen will, droht dabei seine wertvollste Substanz zu verlieren.
Dennoch konnte die Arbeitnehmerseite einen Teilerfolg verbuchen: Bis zum 1. Mai 2028 sind betriebsbedingte Kündigungen im Rahmen des Projekts „Lean“ offiziell ausgeschlossen. Ein vermeintlicher Schutzwall, der jedoch Risse bekommt, sobald die wirtschaftliche Realität die vertraglichen Zusicherungen überholt. Personalvorständin Lea Corzilius hat die undankbare Aufgabe, diese „Balance“ zu halten – ein Drahtseilakt über einem Abgrund aus roten Zahlen und sinkender Nachfrage.
Die Ära der Gemütlichkeit am Bodensee ist endgültig vorbei
Am Ende dieser Umstrukturierung wird ein anderes ZF stehen. Ein Konzern, der seine stolze Identität als Technologieführer gegen die nackte Effizienz eines Krisen-Akteurs eintauschen muss. Die Botschaft an die verbleibende Belegschaft ist düster: Wer bleibt, muss die Arbeit der Gehenden mit übernehmen. Die „Performance nach vorne“, die Miedreich beschwört, wird auf dem Rücken einer ausgedünnten Belegschaft ausgetragen.
Die Pointe dieses bayerisch-schwäbischen Industriedramas: ZF versucht sich als agiler Tech-Player neu zu erfinden, während die alten Strukturen wie Bleigewichte an den Füßen hängen. Die Abfindungen sind nur das Schmiermittel für eine Maschine, die längst ins Stocken geraten ist. Ob ein schlankerer Wasserkopf ausreicht, um den Tanker ZF in den stürmischen Gewässern der E-Mobilität auf Kurs zu halten, bleibt die Millionen-Euro-Frage.


