In der glitzernden Welt von Aschheim war Markus Braun der unangefochtene Sonnenkönig eines digitalen Weltreichs. Heute, in der grauen Realität der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim, ist der Purismus geblieben, aber der Glanz ist weg. Der Mann, der einst mit schwarzem Rollkragenpullover und visionärem Pathos die Finanzwelt blendete, kämpft nun mit einer Strategie, die Beobachter fassungslos macht. Es ist das letzte Gefecht eines Mannes, der offensichtlich beschlossen hat, die Realität so lange zu biegen, bis sie bricht.
Brauns Methode hat sich im Kern nie verändert. Früher waren es die Bilanzen des DAX-Konzerns, die er nach seinem Gutdünken formte, heute sind es die juristischen Akten. In seinem früheren Leben als CEO war Braun bekannt dafür, Pressemitteilungen persönlich zu redigieren und dabei jede Bodenhaftung zu verlieren. Er verzehnfachte Umsatzprognosen für neue Produkte kurzerhand im Vorbeigehen, wenn ihm die echten Zahlen zu profan erschienen. Es war eine Welt aus der Retorte, eine Fantasie aus Einsen und Nullen, die 1,9 Milliarden Euro schwer war – zumindest auf dem Papier.

Der Hauptangeklagte schreibt sein eigenes Drehbuch gegen den drohenden Totalabsturz
Inzwischen fungiert Braun im Gerichtssaal fast als sein eigener Chef-Verteidiger. Er verfasst Beweisanträge am laufenden Band, sehr zum Erstaunen der anwesenden Juristen. Diese Papiere sind keine trockenen Rechtsdokumente, sondern folgen der Dramaturgie eines Wirtschaftsthrillers. Braun fordert darin die Anhörung immer neuer Zeugen und die Sichtung obskurer Akten aus fernen Verfahren. Er will beweisen, dass das Asiengeschäft, das laut Anklage nie existierte, in Wahrheit real war und hinter seinem Rücken von anderen geplündert wurde.
Diese Anträge offenbaren tiefere Einblicke in die Psyche des Angeklagten, als ihm wohl lieb ist. „Die Anträge sind erzählend geschrieben und entsprechen so gar nicht der klassischen Art und Weise, wie ein Jurist sie aufbauen würde“, berichtet ein Prozessbeteiligter. Es ist das alte Wirecard-Muster: Storytelling schlägt Substanz. Braun versucht, dem Gericht seine Sicht der Welt aufzuzwingen, eine Erzählung, in der er nicht der Täter, sondern der „dümmste CEO aller Zeiten“ ist – ein Mann, der von seinen engsten Vertrauten wie Jan Marsalek um Milliarden betrogen wurde, ohne es zu merken.
Doch dieser Spin wirkt vor der Strafkammer zunehmend deplatziert. Die Staatsanwaltschaft zeichnet ein völlig anderes Bild: Das eines autoritären Alleinherrschers, der genau wusste, dass sein Imperium auf Sand gebaut war. Während Braun in seinen Zuchthaus-Zellen fleißig weiter an seiner Legende schreibt, haben die Ermittler längst die Spur des Geldes verfolgt – oder vielmehr das Fehlen dieser Spur dokumentiert. Der Kontrast zwischen der „großen Welterklärung“, die Braun im Gerichtssaal verbreitet, und den harten Fakten der Insolvenzverwalter könnte kaum schärfer sein.

Die Inszenierung als unwissender Visionär ist die letzte Patrone im Kammergericht
Das Verfahren nähert sich nach fast dreieinhalb Jahren der Zielgeraden. Es ist ein Zermürbungskrieg. Brauns Verteidiger müssen die Mammutaufgabe bewältigen, die erzählerischen Ergüsse ihres Mandanten in eine Form zu gießen, die vor den strengen Augen der Richter Bestand hat. Doch die Neigung zum „Spin“, die Braun schon zu Konzernzeiten zur Verzweiflung seiner Mitarbeiter einsetzte, lässt sich nicht einfach abstellen. Er bleibt sich treu, auch wenn diese Treue ihn direkt in eine langjährige Haftstrafe führen könnte.
Was am Ende bleibt, ist die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung für den größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wenn das Urteil fällt, wird sich zeigen, ob Brauns Geschichten aus der Welt der Fantasie ein letztes Mal verfangen haben oder ob das Gericht die künstliche Welt des Markus Braun endgültig zum Einsturz bringt. Die Anzeichen stehen auf Sturm. Wer jahrelang Milliarden herbeiphantasiert hat, dem fällt es sichtlich schwer, vor dem Gesetz die schlichte Wahrheit zu akzeptieren.
Braun scheint fest entschlossen, mit wehenden Fahnen unterzugehen – im festen Glauben an seine eigene, selbst erschaffene Legende. Er ist der Kapitän eines Geisterschiffes, das längst gesunken ist, während er am Rednerpult immer noch neue Segelanweisungen gibt. Es ist ein trauriges, aber auch entlarvendes Finale für einen Mann, der einst glaubte, er stünde über den Gesetzen des Marktes und der Logik.