Auf den Bildschirmen läuft die Welt im Sekundenrhythmus. Stürme über dem Pazifik, Flugzeuge zwischen Leipzig und Hongkong, Uhrzeiten aus Cincinnati, Tokio und Brüssel. In diesem Raum entscheidet sich, ob der globale Handel ins Stocken gerät – oder weiterläuft. Geert Schoonejans sitzt mitten darin.
Ein Nervenzentrum über den Kontinenten
Schoonejans leitet das globale Netzwerkmanagement von DHL Express. Sein Job: sicherstellen, dass zeitkritische Sendungen ankommen, egal was passiert. Kriege, gesperrte Lufträume, Pilotenmangel, Wetterextreme – das System darf nicht stehen bleiben. Und es kennt keine Mengenbegrenzung. Alles, was eingeliefert wird, muss fliegen.

2025 wurde diese Aufgabe zum Härtetest. Die sprunghafte Zollpolitik von Donald Trump brachte globale Warenströme durcheinander. China-USA, lange eine der wichtigsten Achsen im Expressgeschäft, verlor binnen Tagen massiv an Volumen. Andere Logistiker bremsten. DHL Express verdiente weiter Geld.
Warum DHL trotz Handelschaos zulegte
Konzernchef Tobias Meyer hatte früh erklärt, die USA seien „auch nur ein Land“. Das klang selbstbewusst – und war operativ unterlegt. Während viele Kunden ihre Exporte stoppten, sank das China-USA-Volumen zeitweise um fast 20 Prozent. Für Schoonejans bedeutete das nicht Stillstand, sondern Umlenkung.
Leere Kapazitäten sind in der Luftfahrt Gift. Also verschob er Flugzeuge, Slots und Routen. Europa-Afrika und Brasilien erhielten größere Maschinen, bessere Zeitfenster. Gleichzeitig passte sich DHL an eine neue chinesische Exportstrategie an: Waren gehen nun häufiger über Vietnam in die USA, um Zölle zu umgehen. Flüge wurden verdichtet, Stopover neu kalkuliert, Kosten auf Kiloebene gerechnet.
Das Ergebnis: Trotz massiver Umplanungen stieg der Gewinn von DHL Express im dritten Quartal um ein Prozent. In einem Jahr, in dem viele Logistiker vor allem Schäden begrenzten, war das eine operative Ansage.
Geschwindigkeit schlägt Größe
Schoonejans arbeitet mit rund 40 Spezialisten. Flache Hierarchien, schnelle Entscheidungen, klare Verantwortung. Jeder im Team kennt die Kosten seiner Beschlüsse. Drei Schichten à zehn Stunden sichern die Rund-um-die-Uhr-Steuerung, mit Überlappung für saubere Übergaben.
Das unterscheidet DHL von Wettbewerbern mit größeren, trägeren Strukturen. In einem Geschäft, in dem Minuten über Millionen entscheiden, ist Geschwindigkeit ein Wettbewerbsvorteil.

Wenn Politik den Luftraum schließt
Der Job endet nicht bei Zöllen. Der Ukraine-Krieg zwingt seit Jahren zu Umwegen über Asien, zwei Stunden längere Flüge sind inzwischen Standard. Ein möglicher Frieden würde keine Überkapazitäten schaffen, sondern laut Schoonejans einen Nachfrageschub auslösen.
Noch akuter sind plötzliche Eskalationen. Raketenangriffe im Nahen Osten, gesperrte Lufträume, Ausweichlandungen. Wenn ein Flugzeug nicht mehr umdrehen kann, entscheidet das Netzwerkteam in Echtzeit über sichere Alternativen. Auch die Vermeidung des Suezkanals hat den Trend zur Luftfracht verstärkt – DHL profitiert davon.
Ein Netz im Wettbewerb mit sich selbst
75 Prozent des Flugvolumens stemmt DHL mit eigenen 270 Maschinen. Diese sind in interne Airlines organisiert, die bei Pünktlichkeit und Qualität miteinander konkurrieren. Die besten bekommen die zeitkritischsten Sendungen – frischen Fisch, Blutproben, medizinische Expressware – und die neuesten Flugzeuge.
Hinzu kommen Partnerschaften wie AeroLogic, das Joint Venture mit Lufthansa Cargo. Für den Rest kauft DHL Kapazitäten bei Passagierfluggesellschaften ein. Flexibilität ist das oberste Prinzip.
Black Friday kennt keine Grenzen mehr
Die wichtigste Belastungsprobe ist die Starkverkehrszeit ab November. Was einst ein US-Phänomen war, ist heute global. China bleibt der Motor. Plattformen wie Shein und Temu sorgen mit Last-Minute-Bestellungen für extreme Peaks.
Ein legendärer Heiligabend-Anruf aus Hongkong zeigt, wie das System funktioniert. Zusätzliche Flüge wurden organisiert, Zeitverschiebung ausgenutzt, Zusagen eingehalten. „Next Day“ hieß auch wirklich next day.
Routine für das Unvorhersehbare
Zum Alltag gehören auch außergewöhnliche Frachtstücke: Pandabären für Zoos, Formel-1-Ersatzteile, Spezialschuhe für Olympioniken. Und Ereignisse, die selbst erfahrene Manager überraschen – etwa als chinesische Behörden während der Corona-Zeit Piloten direkt aus dem Cockpit in Quarantäne abführten.
Schoonejans arbeitet seit 30 Jahren für DHL, gründete zwischendurch eine interne Airline in Österreich und baute eine Kooperation mit Singapore Airlines auf. Urlaub in Wochenblöcken meidet er. Das Netz verändert sich zu schnell.
Der Welthandel als Dauerkrise
2025 war für ihn herausfordernd, aber nicht außergewöhnlich. Die Corona-Zeit bleibt unerreicht. Heute sind Disruptionen der Normalzustand. Zölle, Kriege, politische Eingriffe – das Netzwerk ist permanent im Umbau.
Der Erfolg von DHL Express zeigt, was in dieser Welt zählt: keine perfekten Prognosen, sondern die Fähigkeit, Ströme umzuleiten, bevor sie versiegen. Der Welthandel wird nicht stabiler. Aber er bleibt in Bewegung – solange Menschen wie Schoonejans ihn steuern.



