28. Januar, 2026

Märkte

Wie Chinas ruinöser Wettbewerb die Weltmärkte verzerrt

Der ruinöse Wettbewerb chinesischer Unternehmen zwingt Peking zum Eingreifen – und trifft deutsche Firmen im Kern.

Wie Chinas ruinöser Wettbewerb die Weltmärkte verzerrt
Chinesische Preiskriege treiben Überkapazitäten auf die Weltmärkte und verschärfen den Druck auf deutsche Firmen.

Rabatte sind in China längst kein Marketinginstrument mehr, sondern eine Überlebensstrategie. Wer nicht mitzieht, verliert Volumen. Wer mitzieht, verliert Geld. Genau diese Dynamik treibt die Führung in Peking nun erneut zum Eingreifen – und verschärft zugleich den Druck auf ausländische Wettbewerber.

In den vergangenen Tagen wurden Vertreter des hart umkämpften Lieferdienstgeschäfts ebenso einbestellt wie Manager aus der Autoindustrie. Betroffen waren unter anderem Plattformen wie Meituan und Alibaba. Koordiniert wurde das Vorgehen von mehreren Behörden, darunter das Industrieministerium MIIT, die Entwicklungs- und Reformkommission NDRC sowie die Marktaufsicht. Die Botschaft war unmissverständlich: Der Preiswettbewerb hat ein Maß erreicht, das aus Sicht der Regierung nicht mehr akzeptabel ist.

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Der Staat kämpft gegen einen selbst geschaffenen Markt

Bereits im Sommer 2025 hatte die Führung eine Kampagne gegen sogenannte Preiskriege gestartet. Gemeint ist ein Wettbewerb, bei dem Unternehmen systematisch Preise senken, Rabatte ausweiten oder Produkte subventionieren – selbst dann, wenn dabei dauerhaft Verluste entstehen. Staats- und Parteichef Xi Jinping sprach offen von einem „ungeordneten Niedrigpreiswettbewerb“.

Dass nun erneut Einbestellungen nötig sind, zeigt, wie tief das Problem sitzt. Preiskriege sind kein Ausrutscher einzelner Branchen, sondern Ausdruck struktureller Überkapazitäten. Über Jahre haben Provinzen und Städte dieselben Industrien gefördert, Investoren mit Subventionen, Krediten und billigem Land angelockt und sich als Schutzmächte „ihrer“ Unternehmen verstanden. Das Ergebnis: zu viele Fabriken, zu ähnliche Produkte, zu wenig Nachfrage.

Involution statt Innovation

In China wird dieses Phänomen unter dem Begriff „Involution“ diskutiert. Gemeint ist eine Form von Überwettbewerb, bei der immer mehr Ressourcen eingesetzt werden, ohne dass Effizienz, Produktivität oder Wohlstand steigen. Unternehmen investieren nicht, um besser zu werden, sondern um billiger zu sein als der Nachbar.

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Besonders sichtbar ist das im Lieferdienstgeschäft. Anbieter überziehen den Markt mit Gutscheinen und Subventionen, erkaufen sich Volumen und zerstören dabei ihre Margen. Kurzfristig profitieren Konsumenten, langfristig wird die Branche ausgehöhlt. Die Behörden sehen darin ein systemisches Risiko.

E-Autos als politisches Reizthema

Noch brisanter ist die Lage in der Autoindustrie. Zum Jahresbeginn starteten mehrere Hersteller eine neue Rabatt- und Finanzierungsoffensive, vor allem bei Elektrofahrzeugen. Auch Tesla verlängerte zinsfreie oder niedrig verzinste Kreditangebote, andere Anbieter folgten mit direkten Preisnachlässen.

Aus Sicht Pekings untergräbt dieser Wettbewerb den politischen Anspruch, über Technologie, Qualität und Skaleneffekte zu konkurrieren – nicht über den niedrigsten Preis. Der Autosektor gilt als strategisch, Arbeitsplätze und regionale Finanzstabilität hängen an ihm. Entsprechend nervös reagieren die Regulierer.

Deflation und Überkapazität treiben die Spirale

Der Preiskrieg fällt in eine Phase anhaltender Deflation. Das Angebot übersteigt die Nachfrage, die Produzentenpreise sinken seit Jahren. Gleichzeitig laufen viele Fabriken weiter auf Hochtouren, weil lokale Regierungen Insolvenzen fürchten und Beschäftigung sichern wollen. Der Staat steckt in einem Dilemma: Greift er hart durch, riskiert er Jobverluste und finanzielle Verwerfungen. Lässt er den Markt laufen, verschärft sich die Abwärtsspirale.

Wie ernst die Lage ist, zeigt der Blick auf andere Branchen. In der Solarindustrie warnen mehrere große Konzerne für das abgelaufene Jahr gemeinsam vor Verlusten in Milliardenhöhe. Ursache sind massive Überkapazitäten – ein Muster, das sich durch weite Teile der Industrie zieht.

Der Preisdruck schwappt ins Ausland

Was im Inland nicht absetzbar ist, wird exportiert. Chinas Unternehmen drängen mit aggressiven Preisen auf die Weltmärkte. Das spiegelt sich im Handelsbilanzrekord: 2025 summierte sich der Überschuss auf rund 1,2 Billionen Dollar.

Für deutsche Unternehmen ist das gleich doppelt problematisch. Sie geraten in China selbst unter Druck und sehen sich gleichzeitig auf Drittmärkten mit chinesischer Konkurrenz konfrontiert, die zu Preisen anbietet, mit denen kaum mitzuhalten ist. „Für das laufende Jahr belasten vor allem der intensive Preiskampf und die verhaltene Konsumnachfrage in China die Aussichten“, sagt Maximilian Butek von der Deutsche Handelskammer in Ostchina.

Pekings Antwort bleibt ein Drahtseilakt

Anzeichen für einen Kurswechsel gibt es dennoch. Die Anti-Involution-Kampagne ist inzwischen institutionell verankert. Die erneute Regulierungsrunde zeigt, dass Peking bereit ist, wiederholt einzugreifen. Im kommenden Fünfjahresplan dürfte zudem das Ziel eines „einheitlichen nationalen Marktes“ weiter an Bedeutung gewinnen.

Dahinter steht der Versuch, die strukturellen Ursachen des Preisverfalls anzugehen: lokale Abschottung abbauen, Subventionswettläufe eindämmen, Wettbewerb stärker über Effizienz und Produktivität organisieren. Paradox ist dabei, dass ausgerechnet China unter einer stark fragmentierten Binnenökonomie leidet. Provinzgrenzen wirken oft wie Handelsbarrieren, lokale Interessen wie ein Brandbeschleuniger für Überkapazitäten.

Ob Peking dieses System reformieren kann, bleibt offen. Sicher ist nur: Solange Chinas Preiskriege andauern, werden sie nicht an den Landesgrenzen enden – und deutsche Unternehmen weiter unter Druck setzen.