Um 20.59 Uhr endet in Großbritannien eine Ära der Werberoutine. Ab 21 Uhr dürfen Schokolade, Eis, Softdrinks und fettige Snacks zwar weiterhin verkauft werden – beworben werden dürfen sie dann aber erst recht nicht mehr. Mit dem neuen Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel greift der Staat tief in den Alltag von Konsumenten, Medienhäusern und Herstellern ein. Das Ziel ist ehrgeizig: weniger Übergewicht, weniger Folgekosten, weniger Einfluss auf Kinder.
Der Staat zieht eine neue Grenze im Werbemarkt
Seit diesem Montag ist Werbung für stark zucker-, fett- oder salzhaltige Lebensmittel im britischen Fernsehen vor 21 Uhr untersagt, im Internet sogar vollständig. Betroffen sind nicht nur klassische Süßigkeiten, sondern auch Eiscreme, süße Joghurts, gesüßte Getränke und zahlreiche Fertigprodukte. Grundlage ist ein Nährwertmodell des Gesundheitsministeriums, das Produkte nach ihrem Gesundheitsprofil einstuft.

Die Maßnahme folgt einem klaren Muster: Nicht der Konsum selbst wird verboten, sondern seine Sichtbarkeit eingeschränkt. Besonders Kinder sollen weniger mit Reizen konfrontiert werden, die ihr Essverhalten prägen. Die Regierung argumentiert, Werbung wirke nachweislich auf Kaufentscheidungen – gerade bei jungen Zielgruppen.
Gesundheitspolitik rückt Kinder in den Fokus
Gesundheitsminister Wes Streeting begründet das Verbot mit alarmierenden Zahlen. In Großbritannien gilt bereits jedes zehnte Kind im Alter von vier Jahren als fettleibig, bei Fünfjährigen leidet jedes fünfte Kind an Karies. Fettleibigkeit treffe vor allem sozial schwächere Familien, verschärfe gesundheitliche Ungleichheit und belaste den staatlichen Gesundheitsdienst NHS mit Milliardenkosten.
Nach Berechnungen des Gesundheitsministeriums könnten Kinder durch das Werbeverbot jährlich bis zu 70 Milliarden Kalorien weniger konsumieren. Rund 20.000 Fälle von kindlicher Fettleibigkeit ließen sich so vermeiden, was dem NHS Einsparungen von mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr bringen könnte. Wie belastbar diese Modellrechnungen sind, bleibt offen – die politische Stoßrichtung ist eindeutig.
Das Werbeverbot ist Teil eines größeren Eingriffs
Die Einschränkung der Werbung steht nicht für sich allein. Bereits 2018 führte die damalige konservative Regierung die Zuckersteuer auf gesüßte Softdrinks ein. Hersteller reagierten mit Rezepturänderungen, der durchschnittliche Zuckergehalt sank spürbar. Unter der aktuellen Labour-Regierung wurde die Steuer ausgeweitet, etwa auf Milchshakes und gekühlte Kaffeegetränke.

Zudem wurden aggressive Preisaktionen für Süßigkeiten und fettige Snacks verboten. Klassische Zwei-für-eins- oder Drei-für-zwei-Angebote verschwinden aus den Regalen. Die Botschaft ist konsistent: Ungesunde Ernährung soll nicht länger billig, auffällig und allgegenwärtig sein.
Die Branche akzeptiert das Verbot – zähneknirschend
Lebensmittelhersteller und Werbewirtschaft hatten jahrelang gegen die Regelung lobbyiert. Ursprünglich sollte das Werbeverbot bereits 2023 in Kraft treten, wurde jedoch mehrfach verschoben. Am Ende blieb der Widerstand begrenzt. Viele Unternehmen nutzten die Übergangszeit, um Kampagnen umzubauen und den Fokus auf vermeintlich gesündere Produkte zu legen.
Das zeigte sich bereits in der vergangenen Weihnachtssaison. Statt opulenter Desserts dominierten Gemüsebeilagen, Käseplatten und zurückhaltende Genussbotschaften die Werbespots der großen Supermarktketten. Kreativität ersetzte Kalorien – zumindest auf dem Bildschirm.
Kritiker sprechen von Bevormundung
Nicht alle begrüßen den Eingriff. Kritiker aus konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen sehen im Werbeverbot einen übergriffigen Staat, der Konsumentscheidungen moralisch lenkt. Der Vorwurf lautet Sozialismus durch die Hintertür, Kontrolle statt Eigenverantwortung.
Tatsächlich bleibt ein zentraler Einwand bestehen: Ungesunde Produkte sind oft die günstigsten. Werbung zu verbieten, ändert nichts daran, dass hochverarbeitete Lebensmittel für viele Haushalte die preiswerteste Option bleiben. Solange gesunde Ernährung teurer ist, so das Argument, werde sich das Essverhalten nur begrenzt verändern.
Gesundheitsexperten setzen auf langfristige Wirkung
Fachleute aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit sehen das anders. Greg Fell von der Association of Directors of Public Health betont, dass es nicht um ein einzelnes Instrument gehe, sondern um ein Umfeld, das gesündere Entscheidungen erleichtert. Werbung sei dabei ein entscheidender Hebel.
Die Erfahrung mit der Zuckersteuer stützt diese Sicht. Der Zuckergehalt vieler Getränke sank, ohne dass der Absatz massiv einbrach. Hersteller passten sich an, Konsumenten folgten. Das Werbeverbot könnte einen ähnlichen Anpassungsdruck erzeugen – nicht durch Verbote, sondern durch veränderte Anreize.
Digitale Werbung wird zum neuralgischen Punkt
Besonders weitreichend ist das vollständige Online-Werbeverbot. In sozialen Netzwerken, auf Streaming-Plattformen oder in Apps dürfen ungesunde Lebensmittel künftig gar nicht mehr beworben werden. Damit schließt die Regierung einen Kanal, über den Kinder und Jugendliche besonders stark erreicht werden.

Für Plattformbetreiber und Influencer bedeutet das einen spürbaren Einschnitt. Gleichzeitig unterstreicht der Schritt, dass klassische Sendezeiten im digitalen Zeitalter nur noch bedingt relevant sind. Wer Gesundheitswirkungen ernsthaft begrenzen will, muss dort ansetzen, wo Aufmerksamkeit entsteht.
Ein Experiment mit offenem Ausgang
Ob das Werbeverbot tatsächlich zu weniger Übergewicht führt, wird sich erst in Jahren zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: Großbritannien geht weiter als viele andere Länder. Der Staat übernimmt Verantwortung für Ernährungsumfelder, nicht nur für medizinische Folgen.
Für andere europäische Länder ist das britische Vorgehen ein Testfall. Funktioniert der Ansatz, dürfte der politische Druck steigen, ähnliche Regeln einzuführen. Scheitert er, wird das Argument der Bevormundung neue Nahrung erhalten.
Fest steht: Süßigkeiten verschwinden nicht aus den Regalen. Aber aus dem öffentlichen Blickfeld – zumindest dann, wenn Kinder zuschauen könnten. Das ist ein stiller, aber folgenreicher Eingriff in den Alltag.


