Alice Weidel fällt, während ihre Partei steigt. Der Abstand zwischen persönlicher Zustimmung und parteipolitischem Erfolg war selten so deutlich wie in der aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Insa. Die AfD liegt in der Sonntagsfrage auf Rekordniveau, doch ihre Vorsitzende verliert binnen weniger Wochen zehn Plätze im Politiker-Ranking. Platz 15 statt Platz fünf – und damit weit entfernt von der politischen Spitze.
Die Popularität der Partei ersetzt nicht die Zustimmung zur Person
Der Fall von Alice Weidel ist kein statistisches Rauschen, sondern ein Bruch. Mitte Dezember galt sie noch als eine der populäreren Politikerinnen des Landes. Nun liegt sie nicht nur hinter fast allen relevanten Regierungspolitikern, sondern auch hinter mehreren Parteikollegen aus dem bürgerlichen Lager. Besonders bemerkenswert: Selbst unter AfD-Wählern landet Weidel am Ende der internen Beliebtheitsskala.
Das deutet auf ein strukturelles Problem hin. Die AfD mobilisiert Wähler, aber ihre Führung scheint diese Zustimmung nicht mehr persönlich zu binden. In Wahlkämpfen kann das funktionieren. In der öffentlichen Wahrnehmung jedoch trennt sich zunehmend die Zustimmung zur Partei von der Akzeptanz ihrer Repräsentanten.
Klöckner profitiert von Sichtbarkeit und institutioneller Rolle
Während Weidel verliert, stabilisiert sich Julia Klöckner auf hohem Niveau. Platz vier im Ranking, zum zweiten Mal in Folge, macht sie zur beliebtesten Politikerin Deutschlands. Klöckners Vorteil liegt weniger in programmatischen Zuspitzungen als in ihrer Rolle: Als Bundestagspräsidentin steht sie über dem parteipolitischen Tagesgeschäft, sichtbar, aber nicht polarisierend.
Die Bewertung von 4,0 auf der Insa-Skala ist kein Begeisterungswert, aber ein Ausdruck breiter Akzeptanz. In einem zunehmend fragmentierten politischen Umfeld reicht das, um an die Spitze zu kommen.
Pistorius bleibt der Maßstab politischer Akzeptanz
Unangefochten auf Platz eins steht erneut Boris Pistorius. Mit 5,2 Punkten liegt der SPD-Verteidigungsminister deutlich vor allen anderen. Sein Vorsprung ist nicht nur statistisch, sondern politisch relevant. Pistorius profitiert von klarer Kommunikation, einem sicherheitspolitischen Profil und der Wahrnehmung von Führung in Krisenzeiten.
Hinter ihm folgen Hendrik Wüst und Markus Söder gleichauf. Beide stehen für Stabilität auf Landesebene, ohne derzeit bundespolitisch zu dominieren. Ihre Platzierung zeigt, dass politische Verlässlichkeit höher bewertet wird als strategische Zuspitzung.
Die Union bleibt sichtbar, aber nicht überzeugend
Auffällig ist die Breite der CDU- und CSU-Politiker im Mittelfeld. Thorsten Frei, Alexander Dobrindt, Carsten Linnemann – sie alle bewegen sich um die Marke von 4,0 Punkten. Sichtbarkeit ist vorhanden, Begeisterung nicht. Für die Union bedeutet das: Präsenz allein reicht nicht, um politische Führung zu signalisieren.
Am unteren Ende wird das Problem deutlicher. Friedrich Merz verharrt auf Platz 19, knapp vor Schlusslicht Jens Spahn. Spahn hält diesen Rang seit Monaten. Merz kommt nicht vom Fleck. In der Logik des Rankings bedeutet das: Beide sind bekannt, aber nicht beliebt.

Die AfD lebt von Zustimmung ohne Gesichter
Neben Weidel verliert auch Co-Chef Tino Chrupalla an Boden. Platz 18 ist kein Zufall. Die AfD erreicht in der Sonntagsfrage 25,5 Prozent und liegt damit knapp vor der Union. Doch keiner ihrer Spitzenpolitiker übersetzt diesen Wert in persönliche Zustimmung.
Das ist politisch riskant. Parteien ohne glaubwürdige Führung können kurzfristig mobilisieren, aber sie bleiben angreifbar. Je näher Wahlen rücken, desto stärker rückt die Frage nach Personen in den Vordergrund. Derzeit liefert die AfD darauf keine überzeugende Antwort.
Die politische Mitte bleibt fragmentiert
SPD, Grüne, FDP und Linke bewegen sich im Ranking dicht beieinander. Lars Klingbeil, Bärbel Bas, Sahra Wagenknecht, Franziska Brantner – keiner sticht heraus, keiner fällt dramatisch ab. Das spricht weniger für Ausgeglichenheit als für Orientierungslosigkeit. Die politische Mitte ist präsent, aber nicht prägend.
Selbst Aufsteiger wie Brantner oder Frei profitieren eher von relativen Verschiebungen als von eigenem Momentum. Das Ranking zeigt kein neues Zentrum, sondern viele stabile Ränder.
Zustimmung wird persönlicher und flüchtiger
Umfragen messen Stimmungen, keine Entscheidungen. Doch sie zeigen Trends. Der aktuelle Trend ist eindeutig: Persönliche Akzeptanz lässt sich nicht mehr automatisch aus Parteistärke ableiten. Weidels Absturz ist das sichtbarste Beispiel, aber nicht das einzige.
In einer politischen Landschaft mit schwacher Parteibindung und hoher Wechselbereitschaft wird Führung zur persönlichen Frage. Wer Vertrauen will, muss mehr liefern als Schlagzeilen. Derzeit gelingt das nur wenigen – und ausgerechnet nicht denen, deren Parteien am lautesten sind.


