Greg Abel übernimmt das Ruder in einer kritischen Phase der Unternehmensgeschichte
Der neue CEO von Berkshire Hathaway, Greg Abel, steht vor seiner ersten großen Bewährungsprobe. Nachdem die Investorenlegende Warren Buffett im Alter von 95 Jahren zum Jahresende zurückgetreten ist, richten sich am kommenden Samstag alle Augen auf Abels ersten jährlichen Aktionärsbrief. Die Erwartungshaltung an der Wall Street ist extrem hoch.
Buffett hatte das Unternehmen über sechs Jahrzehnte von einer scheiternden Textilfirma zu einem Konglomerat mit einem Marktwert von über einer Billion Dollar geformt. Nun muss der 63-jährige Abel beweisen, dass er dieses Erbe nicht nur verwalten, sondern auch in die Zukunft führen kann. Der Markt reagiert bisher skeptisch auf den Führungswechsel.

Während der S&P 500 seit der Ankündigung von Buffetts Rücktritt im Mai um satte 22 Prozent zulegen konnte, verzeichnete die Aktie von Berkshire Hathaway (BRKa.N) einen Rückgang von 8 Prozent. Diese Underperformance setzt das neue Management massiv unter Druck.
„Buffetts Nachfolge anzutreten ist, als würde man den Football von Tom Brady übernehmen“, so Macrae Sykes, Portfoliomanager bei Gabelli Funds.
Der gigantische Bargeldbestand wird zunehmend zur Belastung für die Rendite
Ein zentrales Problem, das Abel adressieren muss, ist der rekordverdächtige Cash-Bestand des Konzerns. Berkshire Hathaway sitzt auf einem Geldberg von 381,7 Milliarden US-Dollar. Analysten betrachten diese enorme Summe zunehmend als Bremsklotz für die Kapitalrendite, da das Geld nicht produktiv arbeitet.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit zwölf Quartalen in Folge ist das Unternehmen Nettoverkäufer von Aktien. Noch alarmierender für viele Anleger ist die Tatsache, dass seit fünf Quartalen keine Aktienrückkäufe mehr getätigt wurden, obwohl die Aktie bei etwa dem 1,5-fachen des Buchwerts handelt.
Marktbeobachter spekulieren nun, ob Abel eine historische Kurskorrektur vornehmen wird. Optionen wären die Wiederaufnahme von Rückkaufprogrammen oder sogar die Ausschüttung der ersten Dividende seit dem Jahr 1967.
„Warren Buffett war der Mark Twain der Aktionärsbrief-Autoren. Abel war bei Berkshire bisher keine leicht zugängliche Persönlichkeit. Der jährliche Brief ist seine Gelegenheit, seine Stimme, seinen Ton und seine Strategie zu etablieren“, so Evan Pondel, Gründer der Investor-Relations-Firma Triunfo Partners.
Die strategische Ausrichtung und wichtige Personalien bleiben weiterhin ungeklärt
Neben der Kapitalallokation muss Abel auch drängende Personalfragen klären. Unsicherheit besteht insbesondere darüber, wie lange der 74-jährige Vice Chairman Ajit Jain, der das Versicherungsgeschäft leitet, dem Unternehmen erhalten bleibt. Buffett hatte ihn stets als „einzigartiges Talent“ bezeichnet.
Ebenso offen ist die Nachfolge für die Rolle des Chief Investment Officer (CIO). Bislang verwaltete Buffett den Großteil des rund 300 Milliarden Dollar schweren Aktienportfolios selbst. Ted Weschler, der bereits Teile des Portfolios managt, gilt als möglicher Kandidat, doch eine offizielle Bestätigung steht aus.
Abels Kommunikationsstil wird sich voraussichtlich stark von Buffetts volkstümlichem Ton unterscheiden. Während Buffett oft lyrisch über Marktentwicklungen philosophierte, konzentriert sich Abel traditionell stärker auf die operativen Details („nuts and bolts“) der zahlreichen Tochterunternehmen im Energie-, Industrie- und Einzelhandelssektor.


