Die Märkte feiern Rekorde, während sich die Welt neu sortiert. Zwischen KI-Euphorie, geopolitischer Fragmentierung und Energiewende wächst eine Spannung, die 2026 zum entscheidenden Stresstest für Kapitalmärkte und Anlagestrategien werden dürfte. Das skizzierte Szenario von Candriam liest sich wie eine Gebrauchsanweisung für eine Welt, in der alte Sicherheiten nicht mehr tragen.
Börsenrekorde überdecken strukturelle Brüche
2025 war ein Jahr der Widersprüche. Trotz der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus, wachsender geopolitischer Spannungen und einer sichtbaren Spaltung der Weltwirtschaft setzten die Aktienmärkte ihren Höhenflug fort. Der S&P 500 markierte neue Rekorde, Technologieaktien dominierten die Performance, und Nvidia erreichte eine Marktkapitalisierung, die selbst für erfahrene Marktbeobachter surreal wirkt.

Doch dieser Gigantismus kaschiert die Fragilität des Systems. Wertschöpfungsketten werden im Namen von Sicherheit und Souveränität neu organisiert, internationale Institutionen verlieren an Durchsetzungskraft, neue Machtzentren entstehen. Die Märkte preisen Innovation, ignorieren aber zunehmend politische und strukturelle Risiken.
USA stehen zwischen Innovationskraft und politischem Druck
Die Vereinigten Staaten bleiben das Epizentrum technologischer Dynamik. Massive Investitionen in künstliche Intelligenz stabilisierten das Wachstum, selbst unter widrigen politischen Rahmenbedingungen wie höheren Zöllen, restriktiver Migrationspolitik und institutionellen Blockaden.
2026 dürfte das Gleichgewicht kippen. Die Kaufkraft einkommensschwächerer Haushalte erodiert, der Arbeitsmarkt kühlt sich ab, und die Inflation bleibt zäh. Die Federal Reserve steht damit vor einem Glaubwürdigkeitsproblem. Unter zunehmendem politischem Einfluss wird jede geldpolitische Entscheidung zum Signal weit über die USA hinaus.
China sucht Stärke nach außen und Stabilität nach innen
China hat seine strategische Position im globalen Machtgefüge gefestigt, insbesondere bei kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden. Diese Dominanz verschafft Peking Einfluss auf militärische und technologische Lieferketten. Gleichzeitig bleibt die Binnenwirtschaft angeschlagen. Deflationstendenzen, schwacher Immobiliensektor und verhaltene Konsumnachfrage bremsen die Dynamik.
Die jüngste Erholung chinesischer Märkte speist sich vor allem aus Technologieaktien und staatlicher Nachfrage. Ob daraus ein nachhaltiger Trend entsteht oder nur eine Atempause in einem längeren Anpassungsprozess, wird eine der zentralen Fragen für 2026 sein.

Europa ringt um ein neues Selbstverständnis
Der alte Kontinent hat sich robuster gezeigt als vielfach erwartet. Trotz Energiekrise, geopolitischer Unsicherheit und zunehmender handelspolitischer Spannungen wuchs die europäische Wirtschaft nahe ihrem Trend. Programme wie ReArm Europe, expansive Fiskalpolitik in Deutschland und geldpolitische Lockerungen könnten 2026 einen günstigeren Policy-Mix schaffen.
Doch Europas Problem bleibt politisch. Fragmentierte Entscheidungsstrukturen und nationale Interessen erschweren eine kohärente Strategie. Ob das oft beschworene europäische Erwachen mehr wird als ein kurzfristiger Hoffnungsschimmer, entscheidet sich daran, ob Investitionen, Verteidigung, Energie und Industriepolitik tatsächlich zusammenfinden.
Künstliche Intelligenz treibt Wachstum und Risiko zugleich
Die KI-Revolution ist real und teuer. Bis 2030 könnten weltweit bis zu 6,7 Billionen US-Dollar in entsprechende Infrastrukturen fließen. Rechenzentren werden zu industriellen Großverbrauchern von Energie, der Strombedarf dürfte sich innerhalb weniger Jahre mindestens verdoppeln.
Gleichzeitig eilen die Bewertungen voraus. Mit Multiplikatoren nahe dem 27-Fachen der erwarteten Gewinne erinnert vieles an frühere Technologieblasen. Der Unterschied: Die technologische Substanz ist vorhanden. Der Unsicherheitsfaktor liegt weniger im Ob, sondern im Wann der Produktivitätsgewinne.
Energiewende wird zur Systemfrage
Ohne ausreichend verfügbare, bezahlbare und möglichst saubere Energie gerät die digitale Transformation an physische Grenzen. KI, Elektromobilität und neue industrielle Prozesse erhöhen den Energiebedarf massiv. Die Energiewende wird damit vom Klimaprojekt zur ökonomischen Notwendigkeit.
Branchen wie Gesundheit könnten besonders profitieren. KI verändert Diagnostik, Früherkennung und personalisierte Medizin. Nach regulatorischen Unsicherheiten kehrt Kapital in den Sektor zurück, getrieben von Übernahmen und strukturellem Wachstum.
Portfolios brauchen neue Stabilitätsanker
Für Investoren bedeutet diese Gemengelage einen Paradigmenwechsel. Die klassische Diversifikation zwischen Aktien und Staatsanleihen funktioniert nur noch eingeschränkt. Gold verliert seinen Status als verlässlicher Schutz und entwickelt sich zunehmend zum spekulativen Asset.
Gefragt sind selektive Strategien, alternative Anlagen und internationale Streuung. Kreditmärkte erfordern erhöhte Aufmerksamkeit, da steigende Ausfallrisiken und schwächere Schutzmechanismen sichtbar werden. Qualität und Transparenz rücken in den Vordergrund.
Eine fragmentierte Welt als Anlagechance
2026 markiert keinen Bruch, sondern eine Zuspitzung. Zwischenwahlen in den USA, neue Allianzen, Fortschritte bei Energie und Technologie verschieben die Koordinaten der Märkte. Für Investoren heißt das: weniger Komfort, mehr Analyse.
Die Welt wird multipolarer, digitaler und volatiler. Wer diese Spaltung nur als Risiko liest, übersieht die Chancen. Wer sie strategisch einordnet, findet neue Renditetreiber in einer Ordnung, die gerade erst entsteht.



