Das deutsche Steuersystem bestraft Leistung von Zweitverdienern systematisch
Für eine signifikante Anzahl an Frauen im Alter zwischen 45 und 66 Jahren ist die Rückkehr in den Job oder die Ausweitung der Arbeitszeit eine ökonomische Fehlentscheidung. Dies belegt eine aktuelle repräsentative Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Analyse von 3788 Frauen zeigt unmissverständlich: Das Ehegattensplitting fungiert als massiver Bremsklotz für die Erwerbsbeteiligung.

Die Zahlen sind alarmierend. Von den befragten Teilzeitbeschäftigten gab rund die Hälfte an, dass sich eine Erhöhung der Stundenanzahl finanziell schlichtweg nicht lohne. Auch unter den nichterwerbstätigen Frauen sieht ein Drittel keinen monetären Anreiz für eine Jobaufnahme. Der Grundmechanismus ist bekannt, aber in seiner Wirkung verheerend: Verdient ein Partner deutlich weniger – meist die Frau –, wird das gemeinsame Einkommen vorteilhaft besteuert.
Sobald die Frau ihre Arbeitszeit jedoch erhöht, schmilzt dieser Splittingvorteil dahin. Von jedem zusätzlich verdienten Euro bleibt netto kaum etwas übrig. Der wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium warnte bereits 2018 vor diesem Effekt: Der Besserverdiener weitet seine Arbeit aus, der Zweitverdiener reduziert sie.
Der Zeitpunkt der ersten Geburt entscheidet über das Ausmaß des Karriereknicks
Neben der steuerlichen Belastung spielt das Timing der Familiengründung eine entscheidende Rolle für das Lebenseinkommen. Eine Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Kooperation mit der Universität Tilburg korrigiert bisherige Annahmen über Einkommensverluste nach oben. Besonders Frauen, die früh Kinder bekommen, zahlen einen hohen Preis.

Junge Mütter verlieren nicht nur temporär Einkommen, sondern werden oft dauerhaft von Beförderungen und Gehaltssprüngen abgekoppelt. Wer später Mutter wird, hat dieses Lohnwachstum oft bereits realisiert, verliert aber in absoluten Zahlen stark, wenn die Arbeitszeit reduziert wird.
„Werden Frauen unter 30 Jahren erstmals Mutter, erleiden sie einerseits Verluste im gegenwärtigen Einkommen. Andererseits verpassen sie auch wichtige Karriereschritte in der besonders prägenden frühen Berufsphase mit entsprechenden Folgen für ihren weiteren Werdegang“, so Studienautor Lukas Riedel vom ZEW.
Die Motherhood-Lifetime-Penalty reißt gigantische Lücken in das Lebenseinkommen
Die langfristigen finanziellen Folgen der aktuellen Arbeitsmarktstruktur lassen sich beziffern. In Westdeutschland verdienen Frauen über ihren gesamten Lebensverlauf hinweg durchschnittlich 670.000 Euro weniger als Männer. Während der Unterschied bei kinderlosen Frauen bei 180.000 Euro liegt, sinkt das Bruttolebenserwerbseinkommen einer Mutter drastisch.
Diese sogenannte „Motherhood-Lifetime-Penalty“ führt dazu, dass Mütter mit einem Kind rund 40 Prozent weniger Lebenserwerbseinkommen erzielen als kinderlose Frauen. Bei drei oder mehr Kindern explodiert dieser Verlust auf nahezu 70 Prozent. Care-Arbeit und Teilzeitfallen summieren sich hier zu einem Vermögensschaden, der kaum aufzuholen ist.
Eine Reform der Besteuerung könnte Hunderttausende Fachkräfte mobilisieren
Die volkswirtschaftlichen Kosten des Status quo sind immens. Würde das Ehegattensplitting durch eine Individualbesteuerung ersetzt oder reformiert, prognostiziert die Bertelsmann Stiftung einen Anstieg der Erwerbsquote bei Frauen zwischen 45 und 66 Jahren um knapp 1,5 Prozentpunkte.
Konkret bedeutet dies: Allein in dieser Altersgruppe könnten rechnerisch rund 175.000 zusätzliche Vollzeitstellen besetzt werden. Dies wäre ein entscheidender Hebel gegen den Fachkräftemangel und würde gleichzeitig die soziale Absicherung der Frauen verbessern.
„Zudem ginge der Anteil schlecht abgesicherter Minijobs zugunsten sozialversicherungspflichtiger Voll- oder Teilzeitbeschäftigung zurück“, so die Analyse der Bertelsmann Stiftung.

