Nach der Erleichterung ist vor dem Zittern: Das weltweite Aufatmen über eine von Pakistan vermittelte Waffenruhe zwischen Iran und den USA hat keine 20 Stunden gehalten, da kommen erste Zweifel auf. Zwar versuchte die Sprecherin des Weißen Hauses am Mittwochabend, den Einsatz ihres Chefs in den schillerndsten Farben als Erfolg auszumalen – und kündigte direkte Gespräche zwischen Iran und den USA für Samstag in Pakistans Hauptstadt Islamabad an. Doch die Frage ist, ob es dazu kommt.
Irans Außenminister Abbas Araghtschi schrieb am Mittwochabend auf X, die USA müssten sich entscheiden zwischen einer Waffenruhe und der Fortsetzung des Krieges. Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf beklagte Verletzungen der Zehn-Punkte-Vereinbarung. Tatsächlich zeichnen sich mindestens vier Bruchstellen ab – und jede einzelne könnte die gesamte Waffenruhe zum Einsturz bringen.

Libanon – 182 Tote, schwerste Angriffe seit Kriegsbeginn
182 Tote und 800 Verletzte durch israelische Angriffe meldete Libanon am Mittwoch, die schwersten Angriffe seit Beginn des Krieges. US-Präsident Donald Trump sagte mit Blick auf Libanon: „Sie waren nicht Teil des Abkommens." Ganz anders sieht das Iran. „Ein Angriff auf Libanon ist ein Angriff auf Iran", schrieb der Kommandeur der Luft- und Raumfahrtstreitkräfte der iranischen Revolutionsgarde auf X.
Die Diskrepanz könnte kaum größer sein. Trump verhandelte einen Waffenstillstand zwischen Iran und den USA – und ignorierte Libanon komplett. Israel bombardierte weiter, als wäre nichts geschehen. Die Hisbollah, Irans wichtigster Verbündeter in der Region, wurde nicht einmal gefragt. Für Iran ist das ein Vertragsbruch. Für die USA ist Libanon Kollateralschaden.
Die 182 Toten sind keine Statistik. Es sind Menschen, Familien, Zivilisten. Die Angriffe trafen Wohngebiete, Infrastruktur, Krankenhäuser. Israel rechtfertigt die Schläge als Angriffe auf Hisbollah-Stellungen. Doch die Opfer sind größtenteils Zivilisten. Und Iran wird nicht tatenlos zusehen, wie sein Verbündeter ausgelöscht wird.
Straße von Hormus – vollständig geschlossen trotz Waffenruhe
Tatsächlich wurde die Öffnung der für den Öl- und Gashandel so wichtigen Meerenge als Zugeständnis Teherans verkauft. Doch nachdem schon am Mittwochnachmittag zwei Öltanker vor der Straße von Hormus umkehren mussten, vermeldete das iranische Staatsfernsehen am späten Abend: Die Straße sei „vollständig geschlossen".
Das ist ein Schlag ins Gesicht der Waffenruhe. Die Öffnung von Hormus war eine der Kernforderungen der USA, eines der zentralen Zugeständnisse Irans. Sollte die Meerenge weiterhin blockiert bleiben, ist der Deal hinfällig. Dann fließt kein Öl, dann steigen die Preise, dann eskaliert der Konflikt erneut.
Iran behauptet, die Blockade sei eine Reaktion auf die israelischen Angriffe im Libanon. Die USA sagen, die Blockade beweise, dass Iran den Vertrag nie ernst gemeint habe. Beide haben recht – und beide lügen. Die Wahrheit ist: Niemand traut dem anderen über den Weg. Und ohne Vertrauen gibt es keinen Frieden.

Atomprogramm – Iran beharrt auf angereichertem Uran
Ein Zehn-Punkte-Plan, den Iran am Mittwoch in Umlauf brachte, sieht ausdrücklich das Recht des Landes auf einen Fortbestand seines Besitzes an angereichertem Uran vor. Genau das aber hält Trump für ausgeschlossen.
Hier prallen Welten aufeinander. Für Iran ist das Atomprogramm eine Frage der nationalen Souveränität, der Abschreckung, des Überlebens. Für die USA ist es eine existenzielle Bedrohung, ein Weg zur Bombe, ein No-Go. Solange diese Frage ungeklärt bleibt, gibt es keinen dauerhaften Frieden.
Trump fordert die vollständige Abrüstung, die Zerstörung aller Zentrifugen, die Aufgabe des Programms. Iran bietet internationale Kontrollen, Begrenzungen, Transparenz – aber keine Aufgabe. Das ist unvereinbar. Und solange das unvereinbar bleibt, bleibt der Krieg nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.
Israel – Netanjahu behält „Finger am Abzug"
Offensichtlich war Premier Benjamin Netanjahu nicht Teil der pakistanischen Verhandlungsbemühungen. Nur auf Druck der USA soll Israel den Waffenstillstand akzeptiert haben. Wie widerwillig, betonte Netanjahu am Mittwoch: Israel behalte „den Finger am Abzug".
Das ist keine Rhetorik. Das ist eine Drohung. Netanjahu hat kein Interesse an einem dauerhaften Frieden mit Iran. Er will das Regime schwächen, die Hisbollah zerstören, die Bedrohung eliminieren. Die Waffenruhe ist für ihn keine Lösung, sondern ein Hindernis.
Solange Netanjahu an der Macht ist, wird Israel weiterbombardieren. Libanon war erst der Anfang. Als Nächstes könnten Syrien, Irak, Jemen folgen. Jedes Mal mit der Begründung: Wir verteidigen uns. Jedes Mal mit der Konsequenz: Iran schlägt zurück. Und dann ist die Waffenruhe Geschichte.
Gespräche am Samstag in Islamabad – oder platzt alles vorher?
Die Sprecherin des Weißen Hauses kündigte direkte Gespräche zwischen Iran und den USA für Samstag in Islamabad an. Doch ob es dazu kommt, ist fraglich. Sollte Libanon weiter bombardiert werden, Hormus geschlossen bleiben, das Atomprogramm ungeklärt und Israel eskalieren – warum sollte Iran dann verhandeln?
Pakistan vermittelte die Waffenruhe, weil es selbst bedroht ist. Ein Krieg zwischen Iran und den USA würde die gesamte Region destabilisieren. Pakistan bräuchte Sicherheit, Stabilität, Frieden. Doch die Vermittlung funktioniert nur, wenn beide Seiten wollen. Derzeit sieht es nicht danach aus.
Die Waffenruhe war von Anfang an fragil. Sie basierte nicht auf Vertrauen, sondern auf Druck. Die USA drückten Israel, Pakistan drückte Iran, alle drückten alle. Doch Druck allein hält keinen Frieden. Sobald der Druck nachlässt, bricht alles zusammen. Und genau das passiert gerade.
