Über ein Vierteljahrhundert Verhandlungsmarathon findet sein Ende in einem Paukenschlag, der die europäische Wirtschaftslandschaft dauerhaft verändern wird.
Die Europäische Union hat den Weg für das Mercosur-Freihandelsabkommen freigemacht – gegen den erbitterten Widerstand Frankreichs und massiver Bauernproteste. Die Faktenlage ist eindeutig: Brüssel hat sich für die globale Wettbewerbsfähigkeit und gegen den Protektionismus der Agrarlobby entschieden.
Doch der Preis für diese Unterschrift ist hoch. Es fließen Milliarden an Entschädigungen, Schutzmechanismen greifen früher als geplant, und politische Allianzen verschieben sich. Wer in diesem Deal wirklich die Rechnung zahlt, offenbart ein Blick in das Kleingedruckte.

Die deutsche Exportindustrie spart jährlich Milliarden durch den Wegfall der Zölle
Für die deutsche Wirtschaft, insbesondere den Mittelstand, gleicht das Abkommen einem Befreiungsschlag. Der südamerikanische Staatenbund Mercosur verpflichtet sich, Zölle auf 91 Prozent der EU-Exporte binnen 15 Jahren vollständig abzubauen.
Besonders die Automobilindustrie profitiert. Bisher wurden Fahrzeuge mit einem prohibitiven Zoll von 35 Prozent belegt. Dieser fällt weg. Die EU-Kommission beziffert die jährliche Entlastung für europäische Exporteure auf über vier Milliarden Euro.
Dirk Jandura, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, spricht von einem "echten Meilenstein". Angesichts stagnierender Märkte ist der Zugang zu öffentlichen Aufträgen in den Mercosur-Staaten zu gleichen Bedingungen wie lokale Anbieter ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Nach Angaben der DIHK sind 12.500 deutsche Unternehmen im Mercosur-Geschäft aktiv, davon 72 Prozent kleine und mittlere Betriebe. Für sie öffnen sich Märkte, die bisher durch protektionistische Mauern verschlossen waren.
Billiges Rindfleisch aus Südamerika bedroht die Margen der europäischen Landwirte
Die Kehrseite der Medaille zeigt sich in der Landwirtschaft. Der Mercosur-Block erhält im Gegenzug weitreichenden Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Die EU streicht Zölle auf 92 Prozent der Importe über zehn Jahre.
Der kritischste Punkt ist das Rindfleisch. Eine zusätzliche Quote von 99.000 Tonnen pro Jahr darf in die EU eingeführt werden. Hinzu kommen 30.000 Tonnen zollfreier Käse sowie Quoten für Geflügel, Schweinefleisch, Zucker und Ethanol.
Landwirte warnen vor unfairem Wettbewerb. Ihre Argumentation: Südamerikanische Produkte unterliegen nicht den strengen Umwelt- und Lebensmittelsicherheitsstandards der EU. Das macht sie billiger, aber qualitativ und ethisch fragwürdiger.
Die Befürworter halten dagegen, dass die zusätzlichen Importe lediglich 1,6 Prozent des EU-Rindfleischkonsums ausmachen. Zudem sicherte sich die EU den Schutz von 350 geografischen Herkunftsbezeichnungen wie "Parmigiano Reggiano". Dennoch bleibt die Angst vor einem Preisverfall real.
Brüssel erkauft sich die politische Zustimmung mit einem teuren Sicherheitsnetz
Um den Deal politisch durchzusetzen, musste die EU-Kommission tief in die Trickkiste greifen. Die Zustimmung Italiens, das seine Position änderte, war ausschlaggebend für die notwendige Mehrheit gegen den Block aus Frankreich, Polen und Ungarn.

Dieser Meinungsumschwung wurde teuer erkauft. Ein neuer Schutzmechanismus erlaubt es, Importe auszusetzen, wenn die Mengen in einem oder mehreren EU-Ländern um fünf Prozent steigen oder die Preise fallen. Ursprünglich lag diese Schwelle bei acht Prozent.
Zusätzlich wird ein Krisenfonds in Höhe von 6,3 Milliarden Euro eingerichtet. Dieses Geld steht bereit, falls der Pakt den EU-Agrarmärkten nachweislich schadet. Zudem senkt die Kommission die Einfuhrzölle für Düngemittel, um die Kostenstruktur der Bauern zu entlasten.
Es ist ein klassisches Kompensationsgeschäft: Finanzielle Sicherheitspuffer gegen Marktöffnung.
Geopolitische Zwänge wiegen schwerer als ökologische Bedenken
Hinter den Kulissen trieb ein Faktor die Einigung massiv voran: Die Angst vor China und den USA. Deutschland und Spanien sehen im Mercosur-Abkommen ein unverzichtbares Werkzeug, um die Abhängigkeit von Peking zu verringern.
Es geht um kritische Rohstoffe. Südamerika verfügt über riesige Lithium-Vorkommen, essenziell für die europäische Batterie- und Autoindustrie. Ohne diesen Zugriff riskiert Europa, technologisch den Anschluss zu verlieren.
Gleichzeitig dient der Deal als Absicherung gegen die handelspolitische Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump. Diversifizierung ist das Gebot der Stunde.
Umweltverbände wie Friends of the Earth kritisieren den Pakt als "klimaschädlich" und warnen vor verstärkter Abholzung im Amazonasgebiet. Doch in der nüchternen Kalkulation der EU-Kommission haben Versorgungssicherheit und Marktzugang derzeit Vorrang vor maximalem Klimaschutz.
Das Mercosur-Abkommen ist kein Liebesbrief an den Freihandel, sondern eine geostrategische Notwendigkeit in einer fragmentierten Weltwirtschaft.



