Es war die glanzvollste Ära, die Bagsværd je gesehen hatte, doch nun weicht die Euphorie einem Scherbenhaufen. Novo Nordisk, der Konzern, dessen Marktwert zeitweise das gesamte dänische Bruttoinlandsprodukt in den Schatten stellte, befindet sich im freien Fall. Während die Abnehmspritzen Wegovy und Ozempic die Welt im Sturm eroberten, wiegten sich Management und Anleger in einer gefährlichen Aura der Unantastbarkeit. Diese ist im Februar 2026 endgültig zerplatzt. Der Niedergang des Giganten ist kein schleichender Prozess mehr, sondern eine Serie von Einschlägen, die das Fundament des Unternehmens erschüttern.

Vom Rekordhoch bei über 1.033 dänischen Kronen im Sommer 2024 stürzte das Papier auf unter 250 Kronen ab. Der Grund für die jüngste Panik ist ein medizinisches Desaster an der Forschungsfront. Am 23. Februar 2026 wurde das Todesurteil für die bisherige Wachstumsstrategie gefällt: In der entscheidenden Vergleichsstudie „Redefine-4“ unterlag das dänische Kombinationspräparat Cagrisema dem Konkurrenzmittel von Eli Lilly. Ein Unterschied von 2,5 Prozentpunkten beim Gewichtsverlust reichte aus, um Milliarden an Börsenwert zu vernichten – denn Cagrisema sollte 60 Prozent des künftigen Wachstums sichern.
Der Cagrisema-Schock radiert die Zukunftshoffnung aus
Für Novo Nordisk ist das Studienergebnis ein strategischer Totalschaden. Cagrisema war als Rettungsanker für die Zeit nach dem Patentablauf von Semaglutid Anfang der 2030er-Jahre gedacht. Ohne diesen Trumpf steht der Konzern vor dem Nichts, wenn günstige Nachahmerprodukte den Markt fluten. J.P. Morgan reagierte prompt und kappte die Umsatzschätzungen für das Mittel um 63 Prozent, während die Aktie an einem einzigen Tag um 16 Prozent einbrach. Es ist das Ende der Illusion, dass Novo Nordisk den Markt für GLP-1-Präparate auf ewig dominieren kann.

Erzrivale Eli Lilly hat den dänischen Pionier nicht nur eingeholt, sondern mit Präparaten wie Mounjaro und Zepbound technologisch überholt. Während Novo Nordisk mit internen Problemen kämpft, zementiert Lilly seine Vormachtstellung. Der Druck kommt zudem von allen Seiten: Schwergewichte wie Roche, Amgen und Astrazeneca stehen mit eigenen Adipositas-Lösungen in den Startlöchern. Das Terrain, das Novo Nordisk einst fast alleine bespielte, wird zum Schauplatz einer Verdrängungsschlacht, in der die Dänen gerade ihre schärfsten Waffen verlieren.
Radikaler Kahlschlag und eine Führung in Trümmern
Die Krise hat inzwischen die Chefetage erreicht. Der langjährige CEO Lars Fruergaard Jørgensen musste seinen Posten räumen – ein Opfer der desaströsen Kursentwicklung und des Vertrauensverlusts bei den Großaktionären. Sein Nachfolger Mike Doustdar griff unmittelbar nach Amtsantritt zum Skalpell: 9.000 Stellen fallen weg, was rund 11,5 Prozent der Belegschaft entspricht. Ein solcher Massenabbau bei einem Unternehmen, das noch vor kurzem als Wachstumsmaschine galt, unterstreicht die Schwere der Lage. Die Angst geht um, dass Novo Nordisk sich zu lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat.
Zusätzlich gerät der Konzern politisch unter Beschuss. In den USA erzwang die Regierung unter Androhung hoher Zölle massive Preissenkungen. Ab 2027 müssen die Listenpreise für Wegovy um die Hälfte gesenkt werden – ein herber Schlag für die ohnehin erodierenden Margen. Gleichzeitig nutzen Apotheken in den USA rechtliche Schlupflöcher, um billige Kopien der Abnehmspritzen herzustellen. Novo Nordisk wird von einer Zange aus politischem Druck, wachsender Konkurrenz und dem Schwinden der eigenen Innovationskraft zerquetscht.

Die Wegovy-Pille als letzter Rettungsanker
Gibt es noch Hoffnung für den ehemaligen Börsenstar? Ein Lichtblick ist die Zulassung der Wegovy-Tablette durch die FDA Ende 2025. Die orale Version könnte die Hemmschwelle für Millionen Patienten senken, die sich nicht selbst spritzen wollen. Mit bereits 170.000 neuen Anwendern kurz nach dem Start zeigt dieses Segment eine robuste Dynamik. Zudem verspricht eine Partnerschaft mit dem chinesischen Unternehmen United Laboratories frisches Potenzial: Der Wirkstoff UBT251 lieferte in frühen Studien vielversprechende Ergebnisse.
Die Pointe dieses Pharma-Dramas: Der globale Markt für Adipositas-Medikamente wird bis 2030 zwar auf gigantische 150 Milliarden US-Dollar geschätzt, doch Novo Nordisk droht vom Koch zum Kellner degradiert zu werden. Wenn die Dänen nicht schnellstens beweisen, dass sie mehr sind als ein „One-Hit-Wonder“ mit Patent-Ablaufdatum, wird ihr Platz als wertvollster Konzern Europas bald nur noch eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern sein. Die Zeit der Ausreden in Bagsværd ist vorbei – jetzt zählt nur noch die nackte klinische Evidenz.


