In der Konzernzentrale in Walldorf brennt das Licht derzeit bis tief in die Nacht, doch die Schatten werden immer länger. Was als glanzvolles Jahr 2025 geplant war, mutierte am Tag der Bilanzpressekonferenz zum Albtraum für Christian Klein. Nur ein einziger Prozentpunkt fehlte beim Cloud-Wachstum – und die Börse reagierte mit purer Panik. Ein Kurssturz von 16 Prozent radierte Milliarden an Marktwert aus. Der Grund für das Beben ist die Erkenntnis, dass die Cloud allein nicht mehr reicht. Die neue Weltformel lautet „KI frisst Software“, und SAP scheint in dieser Nahrungskette derzeit ganz unten zu stehen.

Die nackten Zahlen des aktuellen DSAG-Investitionsreports sind ein Schlag in die Magengrube für das SAP-Management. Zwar bleibt die Relevanz der Walldorfer Software für den täglichen Betrieb hoch, doch beim absoluten Megathema Künstliche Intelligenz wird SAP von den Kunden schlichtweg ignoriert. Wenn 77 Prozent der Unternehmen ihre KI-Szenarien mit Drittanbietern wie OpenAI oder Anthropic realisieren, kommt das einer kollektiven Kündigung des Innovationsversprechens gleich. SAP droht zum digitalen Museumswärter zu werden, der die alten Daten verwaltet, während andere die Intelligenz liefern.
Der „Joule“-Flop: Wenn der Konzern-Bot am Kunden scheitert
Besonders bitter ist das Schicksal des hauseigenen Chatbots „Joule“. Als Retter der User-Experience gefeiert, entpuppt sich das Tool in der Praxis oft als Rohrkrepierer. Berichte über enttäuschte Großkunden wie Volkswagen machen die Runde. Das Urteil ist vernichtend: zu teuer, zu unflexibel, schlicht unausgereift. Während ChatGPT die Welt im Sturm eroberte, wirkt Joule wie ein müder Versuch, in einem Rennen mitzuhalten, dessen Tempo Walldorf offenbar überfordert.
„Für einen Use-Case im SAP-Umfeld gelten andere Anforderungen als für Standardlösungen“, versucht DSAG-Chef Jens Hungershausen die Wogen zu glätten. Doch die Wahrheit ist schmerzhaft: Die Komplexität der SAP-Systeme, gepaart mit undurchsichtigen Lizenzmodellen, treibt die Kunden in die Arme der agilen Konkurrenz. Wer schnell Ergebnisse will, greift zum Sprachmodell aus den USA, statt sich durch den bürokratischen Dschungel der Walldorfer Preislisten zu kämpfen. SAP hat sich in seiner eigenen Komplexität verfangen.

Cloud-Zwang und Kunden-Rebellion im deutschen Mittelstand
Ein wesentlicher Grund für das KI-Debakel ist die radikale Strategie von Christian Klein. Wer KI-Innovationen nutzen will, muss in die Cloud – so das Dekret aus dem Jahr 2023. Doch in Deutschland, dem Herzland der SAP-Anwender, herrscht bei der Cloud-Migration eisige Stille. Viele Unternehmen betreiben ihre Systeme noch „on premise“, also auf eigenen Servern. Diese Kunden werden von SAP faktisch von der technologischen Zukunft abgeschnitten.
Der Unmut ist greifbar. Knapp 30 Prozent der Unternehmen reduzieren inzwischen ihre SAP-Budgets – ein deutliches Warnsignal. „Wir wünschen uns mehr Wahlfreiheit und realistische Migrationspfade“, fordert Hungershausen. Doch Klein bleibt hart. Dieser Kurs könnte sich als historischer Fehlgriff erweisen: Indem SAP die Kunden zur Cloud zwingt, treibt man sie bei der KI direkt zu Microsoft, Google und spezialisierten KI-Agenten, die ohne Walldorfer Fesseln auskommen.
Das Schicksal der „digitalen Dinosaurier“ entscheidet sich jetzt
Die Befürchtung der Investoren, dass kleine, kompakte KI-Agenten bald die gigantischen ERP-Systeme überflüssig machen, ist keine ferne Dystopie mehr. Wenn ein Bot die Buchhaltung oder das Lieferkettenmanagement effizienter erledigen kann als ein tonnenschweres SAP-Modul, wozu dann noch die teure Lizenz in Walldorf bezahlen? SAP kämpft nicht mehr nur gegen Oracle, sondern gegen eine völlig neue Art von Wettbewerb, der keine Softwarepakete verkauft, sondern Ergebnisse.
Die Pointe dieses wirtschaftlichen Dramas: Während Christian Klein versichert, sein Konzern sei „up to date“, zeigt die Realität in den IT-Abteilungen ein anderes Bild. SAP hat den ersten Satz im KI-Match krachend verloren. Sollte es nicht gelingen, die Hürden für den Einsatz von Joule und Co. drastisch zu senken und die On-Premise-Kunden nicht länger als Nutzer zweiter Klasse zu behandeln, droht dem deutschen Vorzeige-Konzern das Schicksal der Dinosaurier: zu groß für eine Welt, die sich plötzlich viel zu schnell dreht.


