Venezuelas Öl ist kein Zukunftsversprechen, sondern ein geopolitisches Pfand. Kaum sitzt Nicolás Maduro in New York in Untersuchungshaft, formuliert Donald Trump den Anspruch offen: Die Vereinigten Staaten wollen Venezuelas Energie „zurückholen“. Nicht als diplomatische Floskel, sondern als industriepolitisches Projekt.
Venezuelas Rohöl war immer mehr Machtfaktor als Marktware
Mit rund 304 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt – mehr als Saudi-Arabien. Ökonomisch spiegelt sich dieser Reichtum kaum wider. Die Förderung liegt bei rund einer Million Barrel pro Tag, zeitweise sogar darunter. Das ist weniger als ein Prozent der weltweiten Produktion.
Der Absturz ist historisch. Noch in den 1970er-Jahren lag Venezuelas Anteil bei rund sieben Prozent. Heute ist das Land zwar Mitglied der OPEC, aber ein Randakteur. Die Ölindustrie finanziert dennoch etwa die Hälfte der Staatseinnahmen – ein toxisches Abhängigkeitsverhältnis, das den wirtschaftlichen Verfall beschleunigt hat.

Verstaatlichung, Sanktionen und Missmanagement haben das System zerstört
Die Wurzeln der Misere reichen Jahrzehnte zurück. Mitte der 1970er-Jahre wurde die Ölindustrie verstaatlicht, 2007 unter Hugo Chávez folgte die vollständige Übernahme der Joint Ventures. Internationale Konzerne wie ExxonMobil oder ConocoPhillips verließen das Land, milliardenschwere Rechtsstreitigkeiten folgten.
Hinzu kamen US-Sanktionen, Investitionsstopps und ein systematischer Aderlass an Fachwissen. Während eines Generalstreiks entließ Chávez rund 19.000 erfahrene Mitarbeiter der staatlichen Petróleos de Venezuela und ersetzte sie durch politisch loyales, aber oft unqualifiziertes Personal. Die Infrastruktur verfiel, Raffinerien wurden notdürftig betrieben, Wartung wurde zur Ausnahme.
Schweröl macht Venezuela teuer und technologisch abhängig
Zwei Drittel der venezolanischen Reserven bestehen aus Schweröl aus dem Orinoco-Gürtel. Dieses Öl ist zäh, schwefelreich und ohne spezielle Aufbereitung kaum transportfähig. Es braucht Verdünnungsmittel, Chemikalien und spezialisierte Raffinerien – all das, was Sanktionen und Kapitalmangel erschwerten.
Ökonomisch ist das ein struktureller Nachteil. Sinkende Ölpreise verschärfen ihn zusätzlich. Wenn Brent innerhalb eines Jahres zweistellig fällt, geraten Hochkostenproduzenten wie Venezuela sofort unter Druck. Der Mythos vom „Öl, das einfach aus dem Boden sprudelt“, passt hier nicht.
China hat profitiert, aber ist nicht abhängig
In den vergangenen Jahren ging der Großteil der venezolanischen Ölexporte nach China – zuletzt rund 85 Prozent. Für Peking war das strategisch nützlich, aber nicht existenziell. Bezogen auf Chinas Gesamtimporte ist Venezuela ein Lieferant unter vielen, hinter Russland und den Golfstaaten.

Ein Regimewechsel würde diese Ströme neu ordnen. Washington und Peking konkurrieren längst um Rohstoffe. Venezuelas Öl könnte vom chinesischen in den amerikanischen Einflussbereich rutschen, ohne dass der Weltmarkt kurzfristig kollabiert. Für China wäre es ein Verlust, für die USA ein politischer Gewinn.
Die USA zielen auf Kontrolle, nicht auf Stabilität
Trumps Aussagen lassen wenig Raum für diplomatische Interpretation. Er spricht von „gestohlenem amerikanischem Eigentum“ und kündigt an, US-Konzerne nach Venezuela zu schicken, um Milliarden zu investieren. Gemeint ist nicht Entwicklungshilfe, sondern Wiederherstellung von Zugriff.
Aktuell verfügt nur Chevron über eine Sonderlizenz und fördert bereits bis zu 250.000 Barrel pro Tag. Ein Regimewechsel würde diese Schranken beseitigen. Raffinerien an der US-Golfküste sind auf Schweröl spezialisiert und könnten venezolanische Lieferungen problemlos verarbeiten. Die industrielle Logik ist vorbereitet, die politische Legitimation wird nachgeliefert.
Mehr Öl kommt nicht über Nacht, aber es kommt
Analysten erwarten keinen sofortigen Produktionssprung. Ein bis zwei Jahre wären nötig, um die Förderung wieder auf etwa zwei Millionen Barrel pro Tag zu bringen. Danach wären weitere 15 bis 20 Milliarden Dollar erforderlich, um zusätzliche 500.000 Barrel täglich zu erschließen. Das ist viel Geld – aber wenig im Vergleich zu den Investitionen, die andere Förderländer stemmen.
Der oft gezogene Vergleich mit dem Irak zeigt das Muster: Nach dem Regimewechsel Anfang der 2000er-Jahre verdoppelte sich die irakische Produktion innerhalb von anderthalb Jahrzehnten. Nicht aus eigener Kraft, sondern durch ausländisches Kapital und technisches Know-how.
Der Ölmarkt würde reagieren, aber nicht erzittern
Ein höheres Angebot aus Venezuela könnte mittelfristig preisdämpfend wirken und die Volatilität senken. Für die OPEC wäre das unbequem, aber beherrschbar. Entscheidend ist weniger der Marktpreis als die Machtverschiebung: Wer kontrolliert Förderung, Export und Infrastruktur.
Venezuela selbst bliebe in einer asymmetrischen Position. Kapital, Technologie und Absatzmärkte kämen von außen. Die politische Elite würde wechseln, die ökonomische Abhängigkeit kaum.
Am Ende steht eine nüchterne Beobachtung: Der Regimewechsel ist kein moralisches Projekt und kein Marktreflex. Er ist der Versuch, einen Rohstoffstaat wieder in eine bekannte Ordnung einzugliedern – mit klar verteilten Rollen. Venezuelas Öl wird fließen. Die Frage ist nur, für wen.



