Das US-Handelsdefizit ist im November regelrecht explodiert und hat den massivsten prozentualen Zuwachs seit fast 34 Jahren verzeichnet. Mit einem Sprung von 94,6 Prozent weitete sich die Lücke auf 56,8 Milliarden Dollar aus.
Dieser Wert übertrifft die Prognosen der Ökonomen, die lediglich mit 40,5 Milliarden Dollar gerechnet hatten, bei Weitem. Dass die Außenhandelsbilanz nun wieder tief in den roten Zahlen versinkt, ist ein herber Dämpfer für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und korrigiert das Bild einer vermeintlich erstarkenden US-Industrie.
Der KI-Hunger frisst die Handelsbilanz auf
Hinter dem massiven Anstieg der Importe um fünf Prozent auf 348,9 Milliarden Dollar steht vor allem ein technologischer Hunger. Die Einfuhren von Kapitalgütern, insbesondere Computern und Halbleitern, kletterten um 7,4 Milliarden Dollar auf ein neues Rekordhoch.
Der globale Wettlauf um die Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz zwingt die USA dazu, enorme Mengen an Hardware aus Übersee zu beziehen. Während die Regierung unter Donald Trump versucht, die heimische Produktion durch Tarife und Investitionsanreize zu schützen, zeigt die Realität, dass der Bedarf an Chips kurzfristig nur durch massive Zukäufe im Ausland gedeckt werden kann.
Zudem stiegen die Importe von Konsumgütern und pharmazeutischen Produkten deutlich an. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die Vorzieheffekte vor drohenden oder bereits in Kraft getretenen Handelsbarrieren immer noch die Lieferketten prägen.
Einbrechende Exporte drücken das Wirtschaftswachstum
Während die Importseite boomt, schwächelt der US-Export massiv. Die Ausfuhren sanken um 3,6 Prozent auf 292,1 Milliarden Dollar. Besonders schmerzhaft war der Rückgang bei Industriegütern und Rohstoffen, der allein 6,1 Milliarden Dollar ausmachte.

Diese Divergenz zwischen schwacher Nachfrage nach US-Produkten im Ausland und hoher Abhängigkeit von Importen belastet das Gesamtwachstum mechanisch. Da das Handelsdefizit in der volkswirtschaftlichen Rechnung vom BIP abgezogen wird, hat die US-Notenbank Fed in Atlanta ihren viel beachteten „GDP Nowcast“ bereits drastisch korrigiert.
Statt eines annualisierten Wachstums von zuvor prognostizierten 5,4 Prozent für das vierte Quartal 2025 rechnen die Notenbanker nun nur noch mit 4,2 Prozent. Der enorme Optimismus, der noch auf den günstigen Oktoberzahlen basierte, ist damit weitgehend verflogen.
Trump gerät unter Erklärungszwang
Für Präsident Donald Trump, der noch in Davos mit außergewöhnlichen Wachstumszahlen geworben hatte, kommen die Daten zur Unzeit. Das Handelsdefizit war eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen und ist ein Gradmesser für seinen Erfolg im „Wirtschaftskrieg“.
Obwohl das Defizit im Oktober noch auf den niedrigsten Stand seit 2009 gesunken war, zeigt der November-Rückschlag, wie volatil die Handelsströme unter dem Einfluss massiver Zölle reagieren. Die USA wachsen zwar weiterhin schneller als viele andere Industriestaaten, doch der Vorsprung schmilzt, wenn die Handelsbilanz derart aus dem Ruder läuft.
Die Statistiker werden die endgültigen Zahlen für das vierte Quartal am 20. Februar vorlegen. Bis dahin bleibt die Frage offen, ob die USA den strukturellen Wandel zu einer wieder erstarkten Exportnation tatsächlich schaffen oder ob der KI-Boom die Abhängigkeit von globalen Lieferketten dauerhaft zementiert.


