In der geschätzten Runde des Sachverständigenrats zur Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung, welche jüngst durch das Hinzutreten zweier weiblicher Expertisen an Diversität gewann, bahnt sich ein Konflikt an. Monika Schnitzer, renommierte Akademikerin und gegenwärtige Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, sieht sich sowie die übrigen Mitglieder - Achim Truger, Ulrike Malmendier und Martin Werding - in einem Dissens mit Veronika Grimm verstrickt. Der Hintergrund: Grimm, eine anerkannte Fachfrau in Sachen Energiepolitik, plant den Antritt eines Aufsichtsratsmandats bei Siemens Energy.
Die Spannungen resultieren aus der Auffassung von Grimms vier Kollegen im Rat, dass ein derartiges Mandat unvereinbar mit ihrem Engagement im Sachverständigenrat sei. Da die Energietransformation eine zentrale Rolle in der Wirtschafts- und Wirtschaftspolitik spiele, sei Grimms Ratsmitgliedschaft von hohem Wert, und die aktuelle gesellschaftliche Wachsamkeit in Bezug auf Compliance mache den Sachverhalt brisant.
Die Debatte um mögliche Interessenkonflikte wird auch durch Lobbycontrol befeuert, die eine solche Doppelrolle Grimms kritisch sehen. Der strittige Punkt liegt in der parallelen Beratungsfunktion für die Bundesregierung und der potenziellen Vergütung durch einen Großkonzern.
Noch nie zuvor sorgte ein Aufsichtsratsmandat für derartige interne Verwerfungen im Sachverständigenrat. Grimm selber sieht ihre Unabhängigkeit durch die Aufforderung zum Verzicht angegriffen. Auch Schnitzer äußert sich zu der Problematik und betont die essentielle Bedeutung der Unabhängigkeit des Gremiums. Sie sowie Truger verwerfen die Argumentation, dahinter verberge sich eine politische Intrige.
Die Angelegenheit findet auch in politischen Kreisen Gehör. Während die Opposition einen Angriff auf die kritische Ökonomin vermutet und von FDP und Union Unterstützung für Grimm kommt, hält sich Wirtschaftsminister Robert Habeck bedeckt und hebt lediglich die Unabhängigkeit des Sachverständigenrates hervor, nicht ohne auf das Vermeiden von Interessenkonflikten zu dringen.
Grimm selbst, welche öffentlich sichtbar und meinungsstark ist, hat durch Äußerungen zur Atomenergie und Haushaltspolitik für Aufsehen gesorgt, während Schnitzer in letzter Zeit vor allem Kritik vonseiten der Union für ihre Ansichten zur Schuldenbremse oder Witwenrente einholte.
Die Auseinandersetzung dürfte auch durch Grimms kürzlich bekannt gegebenen Hochschulenwechsel zur neuen TU Nürnberg, eine Initiative von Bayerns Ministerpräsident, zusätzliche Aufmerksamkeit erlangt haben.