Ein politisches Beben erschüttert das Kanzleramt. Eine aktuelle Insa-Umfrage im Auftrag der „Bild“-Zeitung offenbart eine historische Unzufriedenheit mit der schwarz-roten Bundesregierung unter Friedrich Merz. Knapp ein Jahr nach der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 scheint die anfängliche Aufbruchstimmung einer tiefen Ernüchterung gewichen zu sein.
Besonders bitter für den amtierenden Kanzler: Im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger Olaf Scholz zieht Merz den Kürzeren. Während 35 Prozent der Befragten Scholz eine bessere Amtsführung attestieren, kommen nur 22 Prozent zu diesem Schluss für Friedrich Merz.
Es ist eine „Kanzler-Klatsche“, die zeigt, dass die Deutschen den nüchternen Stil des SPD-Mannes offenbar mehr schätzen als die konservative Kurskorrektur der Union.

Die Unzufriedenheit sitzt tief. Laut den Meinungsforschern ist die Ablehnung der aktuellen Regierungspolitik so hoch wie nie zuvor seit Amtsantritt des Merz-Kabinetts am 6. Mai 2025. Das Versprechen eines echten Politikwechsels wird von den Wählern zunehmend als nicht eingelöst wahrgenommen.
Kabinett im freien Fall: Minister unterbieten ihre Vorgänger bei der Kompetenz
Nicht nur der Kanzler selbst steht im Kreuzfeuer der Kritik. Ein Blick auf die einzelnen Ressorts zeigt ein erschreckendes Bild der Entfremdung. Besonders im Wirtschaftsministerium scheint die Sehnsucht nach alten Zeiten groß zu sein. Die amtierende Ministerin Katherina Reiche (CDU) kommt lediglich auf 19 Prozent Zustimmung – ihr Vorgänger Robert Habeck (Grüne) wird im Rückblick von 27 Prozent der Deutschen besser bewertet.
Auch in der Finanzpolitik trauern viele Bürger der FDP nach. Christian Lindner wird mit 24 Prozent Zustimmung als kompetenter angesehen als sein Nachfolger, Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), der nur auf 22 Prozent kommt. Selbst im Gesundheitsressort punktet der oft kritisierte Karl Lauterbach (23 Prozent) deutlich stärker als die aktuelle Ministerin Nina Warken (17 Prozent).
Es sind Zahlen, die eine gefährliche Dynamik für die Koalition aus Union und SPD offenbaren. Die Minister des „Zukunftskabinetts“ werden von der Bevölkerung bereits nach kurzer Zeit als weniger fähig eingestuft als die Akteure der vielgescholtenen Ampel-Koalition.
Wadephul und Dobrindt als einsame Spitzenreiter im Umfrage-Keller
Es gibt jedoch auch vereinzelte Lichtblicke für die Regierung Merz. Nur zwei Minister können sich im direkten Vergleich behaupten. Außenminister Johann Wadephul (CDU) erreicht mit 29 Prozent einen beachtlichen Zustimmungswert und lässt seine Vorgängerin Annalena Baerbock (19 Prozent) weit hinter sich. Auch Alexander Dobrindt (CSU) im Innenministerium wird mit 25 Prozent positiver bewertet als Nancy Faeser (20 Prozent).

Doch diese punktuellen Erfolge können das Gesamtbild nicht retten. Die Bundesregierung wirkt in der Breite angeschlagen, was sich auch in den Sonntagsfragen widerspiegelt. Die Union rutscht in aktuellen Erhebungen immer wieder hinter die AfD, die mit Werten um die 26 Prozent als stärkste Kraft das politische Berlin vor sich hertreibt.
Die Sehnsucht nach Beständigkeit wächst. Laut einer Forsa-Erhebung glaubt eine Mehrheit von 54 Prozent der Deutschen, dass die CDU mit einem „Mitte-Kurs wie zu Zeiten Angela Merkels“ an der Wahlurne erfolgreicher wäre. Der scharfe Rechtsruck unter Merz scheint zwar die Kernwählerschaft (60 Prozent Zustimmung) zu binden, verschreckt jedoch das bürgerliche Lager in der Breite.
Die Merkel-Sehnsucht wird zum strategischen Risiko für die Union
Für Friedrich Merz entwickelt sich der Geist von Angela Merkel zum größten internen Widersacher. Während er versucht, das konservative Profil der CDU zu schärfen, fordern die Wähler der Mitte eine Rückkehr zur gemäßigten Politik der 2010er-Jahre. 32 Prozent der Deutschen unterstützen zwar seinen Kurs, doch die Mehrheit sehnt sich nach der moderaten Führung der Altkanzlerin zurück.
Die kommenden Monate werden zur Bewährungsprobe. Fünf Landtagswahlen im Jahr 2026 – unter anderem in Baden-Württemberg und Berlin – drohen zum Abrechnungstag für die Bundesregierung zu werden. Wenn Merz es nicht schafft, das Vertrauen in seine Regierungsmannschaft zurückzugewinnen, könnte sein „Plan N“ (Nivea-Glatte-Wahlkampf) schneller scheitern, als es den Strategen in der Konrad-Adenauer-Haus lieb ist.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Ein Jahr nach Scholz ist die Hoffnung auf Besserung der Angst vor dem sozialen Abstieg gewichen. Friedrich Merz muss jetzt beweisen, dass er mehr ist als nur ein Gegenentwurf zu Olaf Scholz.



