Der Teergeruch von brennendem Rohöl und die gespenstische Stille in einer der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt versetzen die globalen Märkte in Schockstarre. Donald Trump, der Mann, der Amerika wieder groß machen will, steht vor einer geopolitischen Scherbenhalle an der Straße von Hormus. Die strategische Enge, durch die täglich etwa ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs geschleust wird, ist zum Schauplatz einer Machtprobe geworden, die Washington sichtlich überfordert. In einer Mischung aus Aggression und kaum kaschierter Notlage wandte sich der US-Präsident über seine Plattform Truth Social an die Weltöffentlichkeit. Er fordert eine internationale Armada, um den iranischen Würgegriff zu brechen.

Es ist eine Kehrtwende, die Analysten aufhorchen lässt. Trump, der sonst auf „America First“ setzt, bettelt förmlich um eine Koalition der Willigen – und Unwilligen. Dass er dabei explizit China nennt, offenbart die Tiefe der Krise. Wenn der amerikanische Präsident den größten systemischen Rivalen bittet, Kriegsschiffe in eine der sensibelsten Regionen der Erde zu entsenden, dann brennt die Hütte lichterloh. Die ökonomischen Implikationen sind verheerend, denn die Frachtraten explodieren und die Ölpreise kennen nur noch eine Richtung: steil nach oben.
Washingtons Weltmachtanspruch zerschellt an der Realität der Seeblockade
Die Rhetorik aus dem Weißen Haus wirkt zunehmend entkoppelt von der militärischen Realität vor Ort. Trump verkündete vollmundig, dass viele Länder gemeinsam mit den Vereinigten Staaten Kriegsschiffe entsenden würden, um die Passage offen und sicher zu halten. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich diese „Armada“ als ein diplomatisches Kartenhaus. Bisher gibt es kaum feste Zusagen der genannten Partner. Es bleibt bei der vagen Hoffnung, dass Nationen wie Japan, Südkorea oder Frankreich ihre Flotten riskieren, um eine Eskalation zu befeuern, deren Ausgang niemand absehen kann.
Besonders pikant ist die Erwähnung Chinas. Peking bezieht einen Großteil seines Energiebedarfs aus der Golfregion und hat ein ureigenes Interesse an freien Handelswegen. Doch die Vorstellung, dass chinesische Zerstörer Seite an Seite mit der US Navy unter amerikanischem Kommando operieren, grenzt an politische Science-Fiction. Trump spielt ein hochgefährliches Spiel mit dem Feuer, indem er die Verantwortung für die Sicherheit der Weltmeere, die jahrzehntelang eine exklusive Domäne der USA war, zur Disposition stellt.
Die Mullahs verhöhnen den schwindenden Einfluss der Supermacht
In Teheran verfolgt man das hektische Treiben in Washington mit einer Mischung aus Genugtuung und offenem Spott. Die Führung der Islamischen Republik erkennt die Schwächezeichen der Supermacht und nutzt sie genüsslich für ihre Propaganda aus. Aziz Reza Tangsiri, der Marine-Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, sparte nicht mit Häme. Er konstatierte trocken, dass die Amerikaner erst behauptet hätten, die iranische Marine zerstört zu haben, und nun um Verstärkung betteln müssten. „Jetzt bitten sie sogar andere um Verstärkung“, schrieb Tangsiri auf der Plattform X und traf damit einen wunden Punkt der US-Administration.
Der Iran spielt ein kalkuliertes Spiel der kontrollierten Eskalation. Während Schiffe beschossen werden und der Verkehr faktisch zum Erliegen kommt, betont Teheran, dass die Straße von Hormus „noch nicht militärisch gesperrt“ sei, sondern lediglich unter Kontrolle stehe. Es ist eine semantische Nuance, die als Drohung zu verstehen ist: Wir haben die Hand am Ventil, und wir haben noch nicht einmal richtig zugedreht. Diese psychologische Kriegsführung zielt darauf ab, die Unsicherheit an den Märkten zu maximieren und die USA als zahnlosen Tiger darzustellen.
Der Ölpreis wird zur schärfsten Waffe im globalen Wirtschaftskrieg
Die ökonomischen Kollateralschäden dieser Blockade sind bereits jetzt weltweit spürbar. Logistikketten, die sich gerade erst von den Krisen der Vorjahre erholt hatten, reißen erneut ab. Wenn Tanker die Route um das Kap der Guten Hoffnung nehmen müssen, verlängert sich die Reisezeit um Wochen, was die Kosten für Energie und Endprodukte massiv in die Höhe treibt. Trump weiß, dass ein dauerhaft hoher Ölpreis seine innenpolitische Agenda und seine Wiederwahlchancen torpedieren könnte. Seine Forderung nach internationaler Hilfe ist daher weniger ein Akt der Diplomatie als vielmehr ein verzweifelter Versuch, die Last der Verantwortung und die drohenden Kosten zu externalisieren.
Doch die „brüderlichen Nachbarn“, wie Irans Außenminister Abbas Araghtschi die Anrainerstaaten nennt, werden von Teheran massiv unter Druck gesetzt. Der Appell, „ausländische Aggressoren zu vertreiben“, richtet sich direkt gegen die US-Präsenz in der Region. Der Iran versucht, die arabischen Staaten davon zu überzeugen, dass der Westen nur an den Interessen Israels interessiert sei und die regionale Sicherheit nur ohne Einmischung von außen gewährleistet werden könne. Damit droht den USA der Verlust ihres letzten strategischen Rückhalts in einer Region, die für die Stabilität des Weltfinanzsystems essenziell ist.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Zeitalter der uneingeschränkten maritimen Dominanz der USA Risse bekommt. Wenn eine Regionalmacht wie der Iran in der Lage ist, eine globale Großmacht in ein solches Dilemma zu stürzen, dass diese bei ihren Rivalen um Hilfe rufen muss, hat sich das Koordinatensystem der Weltpolitik verschoben. Die Straße von Hormus ist kein historisches Phänomen des 18. Jahrhunderts, wie manche Experten meinen, sondern das brandaktuelle Schlachtfeld eines neuen Typs von Wirtschaftskrieg, in dem ein einziger Tweet aus Washington mehr Panik als Sicherheit verbreitet.


