Donald Trump spricht wieder wie ein Präsident im Ausnahmezustand – und meint es diesmal wörtlich. An Bord der Air Force One formuliert er einen Anspruch, der weit über diplomische Rhetorik hinausgeht: Die Vereinigten Staaten sollen „vollständigen Zugriff“ auf Venezuelas Öl erhalten. Wahlen? Später. Souveränität? Nachrangig. Entscheidend sei, sagt Trump, dass Amerika Ressourcen kontrolliert, um Länder „wieder aufzubauen“. Die Wortwahl ist entlarvend. Sie markiert eine Verschiebung von Einfluss zu direkter Verfügung.
Der Zugriff auf Venezuela wird zur Machtfrage
Venezuela ist für Trump kein politisches Projekt, sondern ein Rohstofffall. Der Präsident erklärt offen, dass Investitionen, Wiederaufbau und politische Ordnung erst nach der Wiederbelebung der Ölindustrie folgen sollen. Die Reihenfolge ist klar: erst Öl, dann Demokratie. Dass der bisherige Machthaber Nicolás Maduro in den USA festgehalten wird, verleiht der Lage zusätzliche Schärfe. Washington diskutiert nicht mehr, ob es Einfluss ausübt, sondern wie weit Kontrolle reichen soll.

Trump verweist auf Außenminister Marco Rubio als operativen Verantwortlichen, doch die Richtung gibt er selbst vor. Berichte über Druck auf US-Ölkonzerne, massiv in venezolanische Infrastruktur zu investieren, passen ins Bild. Der Staat schafft Fakten, die Wirtschaft soll folgen. Venezuela wird so zum Testfeld einer neuen Form amerikanischer Machtprojektion: ökonomisch organisiert, politisch abgesichert, militärisch angedeutet.
Demokratie wird vertagt, Öl vorgezogen
Auf Fragen nach Neuwahlen reagiert Trump ausweichend. „So weit sind wir noch nicht“, sagt er. Zuerst müsse das Land „auf die Beine gestellt“ werden – mit Kapital, Technologie und Zugriff auf Ressourcen. Dass die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez unter impliziten Drohungen steht, verstärkt den Eindruck einer Übergangsverwaltung unter amerikanischem Vorbehalt. Kooperation wird eingefordert, Widerstand mit weiteren Militärschlägen beantwortet. Der Maßstab ist nicht Legitimität, sondern Funktionalität.

Kolumbien rückt ins Fadenkreuz
Venezuela bleibt nicht der einzige Schauplatz. Trump richtet seine Aufmerksamkeit auch auf Kolumbien – verbal scharf, politisch brisant. Präsident Gustavo Petro wird als „kranker Mann“ bezeichnet, der ein „krankes Land“ regiere. Der Vorwurf: Förderung des Drogenhandels in Richtung USA. Auf die Frage, ob ein Militäreinsatz denkbar sei, antwortet Trump knapp: „Das klingt für mich gut.“ Details spart er aus. Die Botschaft genügt.
Kolumbien ist traditionell enger Verbündeter Washingtons. Die öffentliche Demütigung seines Präsidenten signalisiert, dass Bündnisse unter Trump situativ gelten. Wer nicht liefert, wird markiert. Militärische Optionen bleiben bewusst im Raum – als Drohkulisse, nicht als ausgearbeiteter Plan.
Iran bleibt der altbekannte Gegner
Auch der Iran taucht in Trumps Ausführungen auf. Die Proteste gegen das Regime in Teheran werden aufmerksam beobachtet, sagt er. Sollte die Führung wieder mit tödlicher Gewalt reagieren, würden die USA „sehr hart“ zuschlagen. Es ist die bekannte Trump-Doktrin: Abschreckung durch Unklarheit, Eskalation als Option. Neu ist weniger der Inhalt als der Tonfall – beiläufig, fast routiniert.
Grönland wird erneut zur Provokation
Am deutlichsten zeigt sich Trumps Verachtung für diplomatische Konventionen im Umgang mit Dänemark. Grönland brauche Amerika aus Gründen der nationalen Sicherheit, sagt er, und behauptet, selbst die EU wisse, dass die USA die Insel „haben sollten“. Dass Grönland Teil des dänischen Staatsgebiets ist, spielt in dieser Logik keine Rolle.
Besonders scharf fällt der Spott aus: Dänemarks Verstärkung der Sicherheit durch eine zusätzliche Hundeschlittenpatrouille wird zur Pointe. Die Botschaft ist klar: Ein Nato-Partner wird öffentlich lächerlich gemacht, um einen eigenen Anspruch zu unterstreichen. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen reagiert ungewohnt deutlich und weist jede Form der Annexion zurück. Sie fordert Washington auf, die Drohungen einzustellen.
Eine Außenpolitik ohne Zwischentöne
Was diese Episode verbindet, ist weniger der einzelne Konflikt als der Stil. Trump formuliert Außenpolitik als Abfolge von Zugriffen, Drohungen und öffentlichen Demütigungen. Diplomatie wird nicht verhandelt, sondern verkündet. Staaten erscheinen als Objekte – nützlich, störend oder ersetzbar.
Für Investoren, Verbündete und Gegner entsteht damit ein neues Koordinatensystem. Stabilität ergibt sich nicht aus Verträgen, sondern aus momentaner Übereinstimmung mit amerikanischen Interessen. Venezuela zeigt, wie schnell Ressourcen zur Eintrittskarte werden. Kolumbien und Dänemark erfahren, wie dünn der Schutz durch Partnerschaft sein kann. Und Grönland bleibt das Symbol einer Machtpolitik, die sich nicht mehr erklärt, sondern behauptet.
Trump liefert damit keine Strategie im klassischen Sinn. Er setzt Marker. Wer sie ignoriert, muss mit der nächsten Ansage rechnen – live, an Bord der Air Force One.



