Die Membranen von Sympatex halten Wind und Regen zuverlässig draußen. Gegen finanzielle Schieflagen boten sie keinen Schutz. Der bayerische Spezialtextilhersteller Sympatex Technologies hat Insolvenz angemeldet.
Das Amtsgericht München bestellte den Juristen Axel W. Bierbach von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen (MHBK) zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Bierbach gehört zu den bekanntesten Verwaltern des Landes, ist Mitglied im Gravenbrucher Kreis und war in großen Verfahren von BenQ Mobile bis zum Reiseveranstalter FTI eingebunden.
Der Geschäftsbetrieb soll vorerst stabilisiert werden
Bierbachs erster Auftrag ist klar umrissen: Ruhe ins operative Geschäft bringen. Kundenaufträge sollen weiter bearbeitet, laufende Projekte planmäßig umgesetzt werden. Parallel verschafft sich sein Team einen Überblick über die wirtschaftliche Lage und prüft Fortführungsoptionen.
Die rund 70 Beschäftigten erhalten bis Ende März Insolvenzgeld. Für sie ist das Verfahren mehr als eine formale Zäsur. Sympatex galt lange als technologisch solides, wenn auch vergleichsweise kleines Industrieunternehmen – mit Produkten, die in Outdoor- und Funktionsbekleidung weltweit eingesetzt werden.
Sympatex entwickelt und produziert wasserdichte, atmungsaktive Membranen für Jacken, Schuhe und technische Textilien. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 22,8 Millionen Euro. Größter Wettbewerber ist Gore-Tex, dessen Marktmacht und Lizenzmodell die Branche seit Jahrzehnten prägen.
Auch die Muttergesellschaft ist insolvent
Nicht nur die operative Gesellschaft ist betroffen. Auch die Smart Solutions Holding, Mutter von Sympatex, hat Insolvenzantrag gestellt. Dort soll MHBK-Partner Oliver Schartl zunächst als Gutachter prüfen, welche Optionen bestehen.
Damit weitet sich das Verfahren von einer operativen Sanierung zu einem komplexen Konzernfall aus. Für Gläubiger, Geschäftspartner und insbesondere Anleiheinvestoren bekommt die Insolvenz damit eine zusätzliche Dimension.
Eine Anleihe als tickende Zeitbombe
Der Kern der Altlasten liegt mehr als ein Jahrzehnt zurück. 2013 platzierte die Holding zur Wachstumsfinanzierung eine Mittelstandsanleihe über 13 Millionen Euro im Open-Market-Segment der Frankfurter Börse. Vier Jahre später war von Wachstum kaum noch die Rede. Stattdessen wurde den Investoren ein radikaler Schuldenschnitt abverlangt.
90 Prozent des investierten Kapitals sollten abgeschrieben werden. Andernfalls, so die damalige Argumentation, drohe eine Insolvenz, bei der noch weniger zu holen sei. Viele Anleger stimmten zu – unter massivem Zeitdruck und mit der Hoffnung auf einen Retter.

Das Gericht spricht von Täuschung
Diese Hoffnung beruhte auf einer Fiktion. Das Landgericht München I stellte im Oktober 2025 in einem viel beachteten Urteil fest, dass Anleger im Zuge der Restrukturierung getäuscht wurden. Ihnen sei die „Legende“ eines „Weißen Ritters“ präsentiert worden – eines angeblich ernsthaften Kaufinteressenten, der Sympatex nach dem Schuldenschnitt übernehmen und fortführen wollte.
Einen solchen Interessenten habe es nie gegeben. Ziel der beteiligten Berater sei es vielmehr gewesen, die Zahlungsverpflichtungen aus der Anleihe so weit wie möglich zu reduzieren. Dass Privatanleger dadurch wirtschaftlich geschädigt werden könnten, sei „billigend in Kauf“ genommen worden, so das Gericht.
Berater im Fokus der Kritik
In dem Verfahren spielten mehrere prominente Akteure eine Rolle. An der Holding war der Unternehmensberater Stephan Sanktjohanser beteiligt. Zudem wirkte Frank Günther, Partner des Beratungshauses One Square Advisors, maßgeblich an der Restrukturierung mit.
One Square fungierte damals als gemeinsame Vertreterin der Anleihegläubiger – eigentlich mit dem Auftrag, deren Interessen zu schützen. Laut Urteilsbegründung handelte Günther jedoch bewusst gegen diese Interessen. Die mittelbaren Eigentümer von Sympatex sollten nach dem Schuldenschnitt beteiligt bleiben, um von Verlustvorträgen und einem möglichen späteren Wertzuwachs zu profitieren.
Anlegeransprüche rücken wieder näher
Ob und in welchem Umfang mögliche Forderungen von Anleiheinvestoren nun im Insolvenzverfahren eine Rolle spielen, ist offen. Kurzfristig wird damit offenbar nicht gerechnet. Doch mit der Insolvenz der Holding dürfte die juristische Aufarbeitung erneut an Fahrt aufnehmen.
Für Sympatex selbst ist das Verfahren eine Zäsur, aber nicht zwingend das Ende. Bierbach verweist auf die technologische Substanz und das Spezialwissen der Belegschaft. Ziel sei es, diese Werte zu sichern und eine tragfähige Zukunftslösung zu entwickeln.
Technologisch stark, finanziell erschöpft
Der Fall Sympatex steht exemplarisch für eine Reihe mittelständischer Industrieunternehmen, deren Produkte wettbewerbsfähig sind, deren Kapitalstruktur aber nie stabil wurde. Hohe Entwicklungskosten, ein enger Markt und Altlasten aus der Vergangenheit lassen wenig Spielraum, wenn Absatz oder Finanzierung ins Stocken geraten.
Die Insolvenz eröffnet nun die Möglichkeit eines Neustarts – allerdings ohne die Illusionen früherer Rettungsnarrative. Ob sich ein Investor findet oder eine Sanierung aus eigener Kraft gelingt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Sicher ist nur: Die Geschichte von Sympatex wird künftig nicht mehr allein über Membranen geschrieben, sondern über Vertrauen, Verantwortung und die Frage, wer am Ende den Preis zahlt.


