Die Aktionäre des Online-Brokers Flatexdegiro stehen einer turbulenten Hauptversammlung entgegen. Nach dem Ausscheiden des Vorstandsvorsitzenden Frank Niehage hegt Großaktionär Bernd Förtsch größere Ambitionen. Er strebt nicht nur nach einem Sitz im Aufsichtsrat, sondern möchte auch den aktuellen Vorsitzenden des Gremiums, Martin Korbmacher, abwählen lassen. Diese Vorhaben offenbarte die GfBk Gesellschaft für Börsenkommunikation, Förtschs Unternehmen, mit einem eingereichten Ergänzungsverlangen für die am 4. Juni anstehende Versammlung.
Am Kapitalmarkt stießen diese Ankündigungen auf ein gemischtes Echo. Der Aktienkurs von Flatexdegiro verzeichnete zwar initial einen leichten Anstieg von rund einem Prozent, glich sich aber im Handelsverlauf wieder dem vorherigen Schlusskurs an und schloss mit einem marginalen Plus ab. Die Anleger hatten über das Wochenende Zeit, die Bekanntmachungen zu verarbeiten, da Flatexdegiro diese erst spät am Freitag publizierte.
Die steigenden Ambitionen Förtschs kündigten sich bereits an, da dieser im März in einem "Wirtschaftswoche"-Interview Kritik an der Unternehmensführung übte und Veränderungen ankündigte. Mit Niehages Rücktritt zum Monatsende liegt das Augenmerk nun auf Korbmacher. Förtsch monierte in dem Gespräch fehlende Innovationen und die Verkomplizierung der Gebührenstrukturen, welche ehemals als einfache Lösung begonnen hatten, sowie das Nichtberücksichtigen des Krypto-Booms.
Stimmen die Anteilseigner für Korbmachers Absetzung, so schlägt die GfBk Axel Hörger zur Wahl vor, der laut Angaben ein unabhängiges Mitglied vertritt. Förtsch selbst zielt auf die frei werdende Position, da Herbert Seuling, der aufgrund persönlicher Gründe ausscheidet und zugleich Förtschs anderer Beteiligung Heliad angehört, aus dem Aufsichtsrat zurücktritt.
Förtsch, der die Vorgängerfirma von Flatexdegiro vor 25 Jahren gründete, hat nach wie vor einen wesentlichen Anteil an dem Unternehmen. Er besitzt direkt und indirekt knapp 20 Prozent der Aktien.
In Anbetracht der Situation ist die bevorstehende Hauptversammlung voraussichtlich ohne Vorstandschef, da nach Niehages Abgang ein Nachfolger noch gesucht wird. Bis dahin sollen interimsmäßig zwei Vorstandskollegen die Geschicke des Brokers lenken.
Die einst während der Pandemie exorbitant gewachsenen Handelsvolumina von Kleinanlegern auf den Plattformen von Flatexdegiro haben durch verschiedene Einflüsse wie Inflation, steigenden Zinsen und geopolitische Spannungen nachgelassen. Auch erhöhte die Finanzaufsicht Bafin nach einer Sonderprüfung die Kapitalanforderungen für den Broker.
Nach einem Hochflug der Aktie im Zuge des Booms im Aktienhandel während der Pandemie, als der Kurs von etwa 6 Euro auf knapp 30 Euro kletterte, ist der Wert bis Ende 2022 wieder auf das Vorkrisenniveau gefallen. Seitdem und insbesondere nach den jüngsten Quartalszahlen hat sich der Kurs wieder etwas erholt. Flatexdegiro wird derzeit mit 1,4 Milliarden Euro an der Börse bewertet, während der Wettbewerber Swissquote eine Marktkapitalisierung von etwa 4 Milliarden Euro aufweist.