12. Februar, 2026

Strom auf Vorrat, Kosten auf Rechnung

Der Strompreis bekommt eine neue Belastung, lange bevor ein einziges neues Kraftwerk ans Netz geht. Die Einigung der Bundesregierung mit der EU-Kommission über neue Gaskaskraftwerke klärt die politische Richtung – nicht aber die Rechnung. Die wird am Ende bei den Verbrauchern landen.

Strom auf Vorrat, Kosten auf Rechnung
Mit dem Kapazitätsmarkt sichert Deutschland seine Stromversorgung ab. Die Kosten landen über eine Umlage beim Verbraucher.

Die Regierung verspricht Sicherheit, vermeidet aber Zahlen

Katherina Reiche spricht von einem „entscheidenden Schritt für die Versorgungssicherheit“. Tatsächlich ist der politische Durchbruch vor allem ein formaler: Nach zähen Verhandlungen darf Deutschland Ausschreibungen für neue gesicherte Kraftwerkskapazitäten starten. Bis zu zwölf Gigawatt sind vorgesehen, davon zehn Gigawatt explizit für Gaskraftwerke.

Was fehlt, ist jede belastbare Kostenschätzung. Weder das Bundeswirtschaftsministerium noch die beteiligten Beamten können sagen, wie teuer diese Strategie für Stromkunden wird. Klar ist nur der Mechanismus: Die Finanzierung erfolgt über eine Umlage auf den Strompreis. Wer Strom verbraucht, zahlt – unabhängig davon, ob die neuen Kraftwerke jemals laufen.

Die Umlage ist beschlossen, ihre Höhe bewusst offen

In der Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage heißt es nüchtern, Kapazitätsmechanismen seien europarechtlich über Umlagen zu finanzieren. Die Einführung ist für 2027 geplant, die Erhebung ab 2031. Zur Höhe kein Wort – offiziell, weil sie „noch nicht abgeschätzt werden kann“.

Politisch ist das bequem. Die Entscheidung fällt heute, die Rechnung kommt später. Der Effekt ist absehbar: Strom wird strukturell teurer, nicht wegen höherer Produktionskosten, sondern wegen politisch garantierter Bereitstellung von Reserveleistung.

Ein Strategiewechsel, der kaum offen benannt wird

Bemerkenswert ist, wie deutlich sich die neue Linie von der Energiepolitik der Vorgängerregierung unterscheidet. Unter Wirtschaftsminister Robert Habeck sollte der Ausbau neuer Kraftwerke zunächst marktgetrieben erfolgen, flankiert von gezielten Eingriffen für Dunkelflauten. Der Kapazitätsmarkt war als spätere Ergänzung gedacht.

Jetzt wird er zum Kerninstrument. Neue Gaskraftwerke werden nicht mehr für den Strommarkt gebaut, sondern für den Kapazitätsmarkt – also für die bloße Bereitschaft, Strom liefern zu können. Ob sie produzieren, ist zweitrangig. Bezahlt werden sie trotzdem.

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Der Kapazitätsmarkt verlagert Risiken auf Verbraucher

Ökonomisch ist das Modell eindeutig. Kraftwerke, die nur wenige Tage im Jahr laufen, rechnen sich nicht über den Stromverkauf. Also garantiert der Staat Einnahmen – finanziert über eine Umlage. Das Investitionsrisiko wird sozialisiert, die Kosten werden entkoppelt vom tatsächlichen Nutzen.

In Ländern wie Großbritannien oder Italien existieren ähnliche Modelle. Dort haben sie die Versorgung stabilisiert, aber die Strompreise dauerhaft erhöht. Frankreich wählte einen anderen Weg: Dort müssen Stromhändler Kapazitäten vorhalten, das Risiko liegt stärker im Markt.

Deutschland entscheidet sich bewusst für die verbraucherfinanzierte Variante.

Kritik aus dem Parlament trifft einen wunden Punkt

Michael Kellner spricht aus, was viele in der Branche denken: „Klar ist nur, der Strompreis steigt.“ Seine Kritik zielt weniger auf die Existenz eines Kapazitätsmarkts als auf dessen Dimension und technologische Ausrichtung.

Offiziell sind die Ausschreibungen technologieoffen. Neben Gaskraftwerken können auch Speicher, Biomasseanlagen oder andere grundlastfähige Lösungen bieten. In der Praxis gelten für die ersten zehn Gigawatt jedoch Regeln, die Gas klar bevorzugen. Kohle ist ausgeschlossen, Wasserstoff bleibt Perspektive.

Gas wird zur Brücke mit offenem Ende

Politisch wird Gas als Übergangstechnologie verkauft, technisch als unverzichtbar. Die Kraftwerke sollen „wasserstofffähig“ sein, also perspektivisch umrüstbar. Ob und wann ausreichend grüner Wasserstoff verfügbar ist, bleibt offen. Für die Kalkulation spielt das keine Rolle – bezahlt wird der Bau heute.

Ein Beispiel ist das neue Kraftwerk des Versorgers EnBW in Stuttgart. Modern, effizient, perspektivisch umrüstbar. Wirtschaftlich tragfähig ist es nur, weil der Staat langfristige Erlöszusagen macht.

Der Kohleausstieg erzwingt teure Reserve

Der Hintergrund ist klar: Deutschland steigt bis 2038 aus der Braunkohle aus. Diese Kraftwerke sichern bislang die Stromversorgung in Zeiten ohne Wind und Sonne. Fällt diese Reserve weg, braucht es Ersatz – zuverlässig, schnell verfügbar, steuerbar.

Erneuerbare Energien allein können diese Rolle nicht erfüllen. Speicher sind noch nicht in ausreichendem Umfang verfügbar. Also bleibt Gas. Nicht als Dauerlösung, sondern als Versicherung. Eine teure Versicherung.

Versorgungssicherheit wird zur Preisfrage

Die politische Botschaft lautet: Versorgungssicherheit hat Vorrang. Der Markt allein soll sie nicht mehr liefern. Das ist ein Paradigmenwechsel – weg vom Preis, hin zur garantierten Kapazität.

Für Verbraucher bedeutet das Planbarkeit in der Stromversorgung, aber weniger Planbarkeit beim Preis. Die Umlage kommt unabhängig davon, wie sich Großhandelspreise entwickeln oder wie oft die Kraftwerke tatsächlich laufen.

Der Strommarkt wird politischer – und teurer

Mit dem Kapazitätsmarkt greift der Staat tiefer in die Stromerzeugung ein als je zuvor. Er bestimmt, welche Technologien gebaut werden, garantiert Erlöse und verteilt die Kosten auf alle Stromkunden. Der Markt wird zur nachgeordneten Größe.

Ob das System effizienter ist als frühere Modelle, wird sich erst zeigen. Sicher ist nur: Der Strompreis bekommt eine neue strukturelle Komponente nach oben. Nicht wegen Energieknappheit, sondern wegen politisch organisierter Vorsorge.

Die neuen Gaskraftwerke sollen Sicherheit liefern. Die Rechnung dafür ist bereits geschrieben – auch wenn niemand sie beziffern will.

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