In der Welt der Neobroker gewinnt nicht mehr das Unternehmen mit den niedrigsten Gebühren, sondern das mit der besten Nutzeroberfläche. Während Branchenprimus Trade Republic seine Marktführerrolle zementiert, rüstet die Konkurrenz im Hintergrund massiv auf. Finanzen.net, das Schwergewicht unter den deutschen Finanzportalen, hat nun das Fintech Vickii geschluckt. Es ist ein klassischer Befreiungsschlag: Die App von Vickii wird eingestampft, doch die Köpfe dahinter sollen das Herzstück der Gruppe – den Broker Finanzen.net Zero – in das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz katapultieren.

Für das Gründer-Trio Lukas Söllner, Alexander Brils und Jai Bheeman endet damit die Reise als eigenständiges Startup. Vickii war angetreten, um die „Generation Z“ mit einem Mix aus harten Aktiendaten und spielerischem Finanzgossip in die Welt der ETFs zu locken. Trotz prominenter Unterstützer wie dem Influencer „Hedgefonds Henning“ und erfahrenen Business Angels blieb der große Durchbruch am Massenmarkt aus. Dass Finanzen.net jetzt zugreift, wirkt wie eine Rettung in letzter Sekunde – und ein strategischer Coup für den neuen CEO Muhamad Chahrour.
Der neue Chef sucht nach dem unfairen Vorteil
Muhamad Chahrour ist kein Mann der leisen Töne. Seit er den Posten des CEO bei Finanzen.net übernommen hat, ist die Marschrichtung klar: Wachstum um jeden Preis. Chahrour, der zuvor jahrelang als Finanzchef und Vize-CEO den Aufstieg von FlatexDegiro prägte, weiß, dass Reichweite allein nicht reicht. Finanzen.net verfügt zwar über Millionen von monatlichen Nutzern, doch die Conversion vom bloßen News-Leser zum aktiven Broker-Kunden stockt.
Der Zukauf von Vickii ist die erste sichtbare Handschrift Chahrours unter der Ägide des neuen Mehrheitseigners Inflexion. Der britische Private-Equity-Fonds hatte Finanzen.net für eine Bewertung von geschätzten 400 Millionen Euro von Axel Springer übernommen und erwartet nun Ergebnisse. Um gegen die hippen Neobroker aus Berlin und München zu bestehen, braucht Chahrour Features, die über die Standard-Ordermaske hinausgehen. Er kauft keine Software, er kauft eine neue DNA.
Gründer werden zu KI-Architekten degradiert
Der Deal ist ein Lehrstück in modernem Tech-Recruiting. Lukas Söllner rückt direkt zum „Head of AI“ auf. Seine Aufgabe ist es, die riesigen Datenmengen des Portals so aufzubereiten, dass sie dem Nutzer einen echten Mehrwert bieten – weg von statischen Tabellen, hin zu intelligenten Investment-Assistenten. Dass die eigene App von Vickii dabei geopfert wird, ist der Preis für die neue Sicherheit unter dem Dach eines Großkonzerns.
In der Fintech-Szene wird der Deal als Eingeständnis gewertet, dass der Markt für eigenständige Nischen-Apps gesättigt ist. Die Kosten für die Kundenakquise sind in den letzten Jahren explodiert. Für kleine Teams wie das aus Münster ist es nahezu unmöglich geworden, profitabel zu wachsen, wenn gleichzeitig die Risikokapitalgeber ihre Geldbörsen geschlossen halten. Der Weg in die Arme eines etablierten Players ist oft die einzige Möglichkeit, das entwickelte Know-how zu retten.

Investoren erzwingen die totale Verzahnung
Hinter den Kulissen wächst der Druck. Die Private-Equity-Eigner von Inflexion haben das Unternehmen in drei Säulen aufgeteilt: das Informationsportal, den Broker Zero und die Analyse-Software Traderfox. Das Ziel ist die „Plattform-Strategie statt Silo-Denken“. Die Vickii-Gründer sollen nun den Klebstoff liefern, der diese Bereiche verbindet. KI-Funktionen für den Broker Zero sind dabei erst der Anfang.
Es geht um die Frage, ob ein traditionelles Medienhaus den kulturellen Wandel zum Technologieunternehmen schafft. Chahrour hat das Führungsteam bereits umgebaut und setzt auf radikale Integration. Der Zukauf der Produkttalente aus Münster zeigt, dass man verstanden hat, wo die Defizite liegen: im Interface und in der Nutzerbindung. In einer Welt, in der Aktienkauf so einfach wie Online-Dating sein soll, ist Design kein Luxus mehr, sondern überlebensnotwendig.
Die Branche blickt auf den nächsten großen Angriff
Mit der Integration des Vickii-Teams positioniert sich Finanzen.net für das Jahr 2026 als technologisch runderneuerter Angreifer. Die Konsolidierung im Neobroker-Markt ist in vollem Gange. Während kleinere Anbieter verschwinden, formieren sich die verbliebenen Riesen zu All-in-One-Plattformen. Chahrour spielt auf Sieg und nutzt die Ressourcen von Inflexion, um sich die besten Köpfe des Marktes zu sichern.
Ob die jungen Gründer in der Konzernstruktur von Finanzen.net ihre kreative Freiheit behalten, bleibt die entscheidende Variable. In der Vergangenheit sind ähnliche Versuche oft an internen Widerständen und starren Prozessen gescheitert. Doch Chahrour hat keine Wahl: Wenn Finanzen.net nicht bald liefert, bleibt das Portal zwar ein Informations-Gigant, verliert aber den Anschluss im lukrativen Transaktionsgeschäft. Der Kauf von Vickii ist somit weniger eine Expansion als eine dringend benötigte Frischzellenkur.


