Seit 3 Uhr morgens herrscht in weiten Teilen Deutschlands gespenstische Stille an den Haltestellen. Die Gewerkschaft Verdi hat zu einem 24-stündigen Warnstreik aufgerufen, der rund 100.000 Beschäftigte in 150 kommunalen Verkehrsbetrieben umfasst. Von Flensburg bis Passau bleiben Busse und Bahnen stehen – lediglich in Niedersachsen rollt der Verkehr dank geltender Friedenspflicht normal weiter.
Die Forderungen der Gewerkschaft zielen auf eine spürbare Entlastung der Belegschaft ab. Neben höheren Zuschlägen für Nacht- und Wochenendarbeit stehen vor allem kürzere Wochenarbeitszeiten und längere Ruhepausen im Fokus der TV-N-Verhandlungen. In mehreren Bundesländern geht es zudem um satte Lohnsteigerungen, um dem massiven Personalmangel entgegenzuwirken.
Schulpflicht trotz Verkehrs-Kollaps
Für Schüler und Eltern bedeutet der heutige Tag eine logistische Herkulesaufgabe. Die Kultusministerien fast aller betroffenen Bundesländer stellen klar: Der Streik ist kein Grund zum Schwänzen. Da die Aktion rechtzeitig angekündigt wurde, liegt es in der Verantwortung der Eltern, alternative Wege zur Schule zu organisieren – sei es per Fahrrad, Fahrgemeinschaft oder zu Fuß.

Eine Ausnahme bildet lediglich Mecklenburg-Vorpommern: Hier dürfen Schüler, die zwingend auf den ÖPNV angewiesen sind, offiziell abgemeldet werden. In Städten wie Berlin oder München hingegen wird erwartet, dass der Unterricht regulär stattfindet, auch wenn der Schulweg deutlich beschwerlicher ist.
Brennpunkte des Streiks: Von Geisterzügen und Depot-Blockaden
- Berlin: Die BVG wird bestreikt, doch es gibt eine kuriose Ausnahme. Straßenbahnen fahren als "Geisterzüge" ohne Passagiere durch die Stadt. Dies dient dazu, die Oberleitungen bei der aktuellen Kälte eisfrei zu halten, damit der Betrieb morgen reibungslos anlaufen kann.
- München & Nürnberg: Hier ist der Stillstand fast absolut. Die U-Bahnen bleiben aus Sicherheitsgründen komplett gesperrt. In Nürnberg wird lediglich ein Rumpfnetz mit Nachtbus-Linien im Stundentakt aufrechterhalten.
- NRW: Rund 30 Betriebe, darunter Schwergewichte wie die KVB in Köln und die Rheinbahn in Düsseldorf, liegen lahm. Wer hier von A nach B will, muss auf S-Bahnen der Deutschen Bahn ausweichen, die vom Streik nicht betroffen sind.
Die strategische Lücke: Wo es noch rollt
Pendler haben heute eine einzige verlässliche Konstante: Die Deutsche Bahn. Da die S-Bahnen und Regionalzüge von der DB und nicht von kommunalen Trägern betrieben werden, sind diese Linien (sofern keine lokalen EVG-Warnstreiks wie in MV dazwischenkommen) befahrbar. Auch private Busunternehmen, die oft Linien im Auftrag der Kommunen übernehmen, fahren weiter, da sie nicht unter den TV-N fallen.
Machtprobe mit Ansage
Dieser Warnstreik ist ein deutliches Signal an die kommunalen Arbeitgeberverbände. Die Fronten sind verhärtet, und die Gewerkschaft zeigt, dass sie bereit ist, das öffentliche Leben empfindlich zu stören, um ihre Ziele bei den Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Die Arbeitgeberseite kritisiert die Aktion als „unverhältnismäßige Eskalation“ zu einem so frühen Zeitpunkt der Verhandlungen. Für die Bürger bedeutet dies vor allem eines: Geduld und ein hohes Maß an Improvisationstalent.


