Deutschland steuert ungebremst auf einen Verwaltungsinfarkt zu, der sich nicht mehr mit politischer Rhetorik kaschieren lässt. Der aktuelle Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst ist weit mehr als das übliche Säbelrasseln zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Es ist ein Offenbarungseid für die Handlungsfähigkeit des Staates.
Die Forderungen liegen auf dem Tisch, und sie sind massiv. Doch was sich derzeit zwischen dem dbb beamtenbund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) abspielt, ist symptomatisch für eine Volkswirtschaft, die ihre eigenen Systemerhalter nicht mehr finanzieren kann oder will. Die Drohung ist real: Wenn der Staat nicht zahlt, steht das Land still.

Die Arbeitgeberseite verkennt die brutale Realität des Arbeitsmarktes vollkommen
Der Verhandlungsführer der Länder, Andreas Dressel, wählte ein Wort, das in den kommenden Wochen noch oft zitiert werden dürfte: „Astronomisch“. Damit bezeichnete er die Forderung nach sieben Prozent mehr Einkommen, mindestens aber einem Sockelbetrag von 300 Euro monatlich.
Rein fiskalisch mag diese Einschätzung zutreffen. Die Kassen der Länder sind leer, die Schuldenbremse drückt. Doch ökonomisch betrachtet ist Dressels Haltung ein Spiel mit dem Feuer. Wer in einem Arbeitnehmermarkt, in dem Fachkräfte Mangelware sind, marktgerechte Löhne als „astronomisch“ abtut, hat den Schuss nicht gehört.
Der dbb-Chef Volker Geyer konterte diese Rhetorik in Köln mit einer Präzision, die den wunden Punkt trifft. Nicht die Forderungen seien astronomisch, sondern die Überstundenberge und die Überlastung der Beschäftigten. Wenn mehr als 900.000 Tarifbeschäftigte der Länder die Wahl haben, in die freie Wirtschaft abzuwandern, ist ein „Weiter so“ keine Option.
Ein flächendeckender Streik trifft die empfindlichste Stelle der deutschen Wirtschaft
Die Ankündigung ist unmissverständlich. Sollte in der zweiten Verhandlungsrunde in Potsdam kein verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt werden, werden die Warnstreiks massiv ausgeweitet. Geyer spricht nicht von kleinen Nadelstichen. Er spricht von einer Ausweitung der Maßnahmen, die wehtun wird.
Was das konkret bedeutet, lässt sich bereits erahnen. Berlin hat es vorgemacht: Kitas, Schulen, Bezirksämter – alles dicht. Doch das Szenario reicht weiter. Wenn der Straßendienst im Winter die Arbeit niederlegt, bricht die Logistik zusammen. Wenn Universitätskliniken in den Notbetrieb gehen, gefährdet das die Gesundheitsversorgung.

Für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind das keine theoretischen Risiken. Eine unzuverlässige öffentliche Infrastruktur ist Gift für Investitionen. Unternehmen brauchen planbare Rahmenbedingungen. Wenn Eltern wegen geschlossener Kitas nicht zur Arbeit kommen und Lieferketten wegen ungeräumter Straßen reißen, kostet das die Volkswirtschaft Milliarden.
Die Bürokratie frisst die Leistungsfähigkeit des Staates systematisch von innen auf
Der Kern des Problems liegt jedoch tiefer als nur beim Gehaltszettel. Geyer hat recht, wenn er feststellt, dass der Staat ins Stocken gerät. Die Diagnose ist vernichtend: Zu wenig Personal, zu wenig Mittel, aber dafür zu viel Bürokratie und zu viele Aufgaben. Das System erstickt an sich selbst.
Die Bürger wollen keine Ausreden mehr hören. Sie wollen sich auf den Staat verlassen können. Das ist der eigentliche Daseinszweck des öffentlichen Dienstes, sein „Rückgrat“, wie Geyer es nennt. Doch dieses Rückgrat wird seit Jahren systematisch verschlissen.
Eine bloße Gehaltserhöhung, so notwendig sie auch sein mag, löst dieses strukturelle Defizit nicht. Sie ist Schmerzensgeld für Arbeitsbedingungen, die in vielen Bereichen nicht mehr konkurrenzfähig sind. Dass ein Ergebnis inhaltsgleich auf die Beamten übertragen werden muss, erhöht den finanziellen Druck weiter, ist aber alternativlos, um die interne Gerechtigkeit zu wahren.
Das unvermeidliche Ende der Illusion vom billigen Staat ist jetzt erreicht
Die Verhandlungen in Potsdam werden zeigen, ob die Politik bereit ist, für einen funktionierenden Staat zu bezahlen, oder ob sie den Verfall weiter verwaltet. Die Ausnahme Hessen, wo ein eigener Tarifvertrag gilt, ändert am Gesamtbild nichts. Der Rest der Republik steht vor einer Zerreißprobe.
Wer glaubt, mit Appellen an die Haushaltsdisziplin diesen Konflikt befrieden zu können, irrt gewaltig. Die Beschäftigten wissen um ihre Marktmacht. Der Staat hat sich jahrelang auf die Loyalität seiner Diener verlassen.
Diese Zeit ist vorbei. Wer Qualität will – oder zumindest Anwesenheit –, muss zahlen. Wer das nicht tut, riskiert den Kollaps der staatlichen Daseinsvorsorge. Oder wie es ein Zyniker formulieren würde: Man bekommt genau den Staat, für den man bezahlt.



