Insolvenzantrag am Donnerstag
Die deutsche Sonnen GmbH hat am Donnerstag Insolvenz beantragt, gerade zwei Monate nachdem der britische Öl- und Gaskonzern Shell das Unternehmen an den Investor Tiven verkauft hat. Die rund 400 Beschäftigten am Sitz in Wildpoldsried im Allgäu wurden am Morgen informiert. Das bestätigte das Unternehmen dem Handelsblatt.
Bestandsgeschäft und Service für die mehr als 150.000 Kunden sollen weiterlaufen. Aber neben der Zentrale werden zahlreiche Töchter abgewickelt oder in die selbstverwaltete Insolvenz geschickt. Nach Handelsblatt-Informationen bleibt nur ein Produktionsstandort erhalten.
Zahlen: Einbruch nach dem Boom
Aus internen Dokumenten, die dem Handelsblatt vorliegen, ergibt sich das Bild eines Unternehmens, das nie richtig profitabel war. Nach Jahren des Wachstums durch den Boom der Erneuerbaren nach Beginn des Ukrainekriegs brach der Umsatz von 443 Millionen Euro im Jahr 2023 auf 198,9 Millionen Euro im Jahr 2024 ein. Der Verlust (EBITDA) lag 2024 bei mehr als 188,7 Millionen Euro. Mit einem radikalen Sparkurs („Projekt Sunrise“) sank das Minus 2025 auf 52,2 Millionen Euro. Die Belegschaft schrumpfte von 1.318 auf 800 Mitarbeiter im Januar. Ziel war, noch dieses Jahr profitabel zu werden. „Die Abweichungen von den Prognosen waren enorm“, sagen Insider.
Vom Hoffnungsträger zum Sanierungsfall
Sonnen, 2010 gegründet, galt als eine Art Tesla der Solarspeicher. Mit modernem Design und smarter Steuerung war das Unternehmen zeitweise Marktführer. Ab 2019 gehörte es zu Shell, das damals knapp 500 Millionen Euro zahlte und bis 2025 noch deutlich mehr als eine halbe Milliarde Euro nachschoss. In Summe sind es über eine Milliarde Euro. Ohne diese Mittel wäre das Geschäft laut Handelsblatt nicht aufrechtzuerhalten gewesen.
Als Shell sein Geschäft auf Öl und Gas konzentrierte und zahlreiche Projekte einstellte, kam im Sommer der Verkauf an Tiven, das Family-Office von Gert Purkert, Mitgründer von Aurelius. Aurelius Waterise sollte bei der Sanierung helfen. Der Marktumfeld ist hart: Trotz Rekordwachstums im Gesamtmarkt melden deutsche Hersteller Verluste und Stellenabbau. EnBW stellte Anfang August das Neugeschäft seiner Speichertochter Senec ein, und chinesische Anbieter wie BYD, Huawei und Sungrow führen die Ranglisten an.
Die Vorwürfe der Insider
Der Kern der Kritik: Der Plan sei von Anfang an ein anderer gewesen. Der frühere Geschäftsführer Oliver Koch musste eine Woche nach dem Verkauf gehen. Seit 1. Oktober führt der Berater Friedrich Trautwein das Unternehmen, den Aurelius schon in anderen Projekten eingesetzt hat, bei Firmen, die später Insolvenz anmeldeten. In einer internen Mail vom 5. Oktober hieß es zwar, man wolle mit den Beschäftigten einen „glaubwürdigen Plan“ erarbeiten und die Finanzierung an Meilensteine knüpfen.
Am selben Tag wurde jedoch im Handelsregister die neue Gesellschaft „Sonnen Intelligence“ eingetragen. Schon Ende August seien Beschäftigte darüber informiert worden, dass Patente, Markennamen und andere Werte in die USA verlagert werden sollen. Das US-Geschäft trug Ende 2025 fast 30 Prozent des Umsatzes bei, getrieben von Rekordnachfrage, der Umsatz stieg dort seit 2023 um fast 270 Prozent, während er bei allen anderen Töchtern massiv einbrach. Ob es profitabel ist, wird nicht separat ausgewiesen. „Es gab nie eine Absicht, das Unternehmen als Ganzes fortzuführen“, sagen Insider und sprechen von einem abgekarteten Spiel. Auch andere Interessenten habe es gegeben. Kritik gilt zudem Shell: „Shell hat sich aus der Verantwortung gezogen.“ Weder Shell noch Tiven und Aurelius wollten sich äußern. Es handelt sich um anonyme Vorwürfe, bestätigt sind sie nicht.
Was mit den Töchtern passiert
Sonnen besteht aus 16 Töchtern. Australien ist bereits in der selbstverwalteten Insolvenz, Großbritannien und Italien sollen abgewickelt werden. Drei Installationsbetriebe sollen in einer neuen „Sonnen Installationstechnik“ gebündelt werden. Die Zukunft in Ägypten ist unsicher, Spanien bleibt vorerst als Service-Gesellschaft bestehen. Die US-Einheit soll unter der „Sonnen Intelligence GmbH“ wie bisher weiterlaufen.
Einordnung für Anleger
Sonnen ist nicht börsennotiert, trifft aber den Sektor. Der Fall zeigt, wie schwer es für deutsche Speicherhersteller ist, gegen chinesische Konkurrenz zu bestehen, auch im Boom. Shell zieht sich damit aus einer Beteiligung zurück, in die es über eine Milliarde Euro gesteckt hatte. Für Kunden bleibt die Frage der Garantie und des Service. Das Handelsblatt berichtet, dass diese laufen sollen.
Für Anleger lohnt der Blick auf Wettbewerber wie Senec/EnBW und auf die Frage, ob europäische Hersteller im Heimspeichermarkt überhaupt noch eine Rolle spielen können. Die Vorwürfe zur Verlagerung von Werten in die USA sind Insiderangaben ohne Gegendarstellung. Dies ist keine Anlageberatung.