Die Idylle am Wittelsbacherplatz trügt. Hinter den Fassaden der Siemens-Zentrale in München wird derzeit an nichts Geringerem als der Demontage der bisherigen Konzernarchitektur gearbeitet. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen bereitet Vorstandschef Roland Busch einen radikalen Schnitt vor, der das Gesicht des Tech-Giganten für immer verändern könnte. Das Ziel: Die Auflösung der bisherigen Super-Sparten „Digital Industries“ (DI) und „Smart Infrastructure“ (SI).
Es ist ein Manöver, das intern für massive Nervosität sorgt. „Viele sind nervös“, berichtet ein Insider über die Stimmung in den Fluren. Busch will Siemens zur „One Tech Company“ schmieden – ein Vorhaben, das die bisherigen Silos nicht nur lockern, sondern dem Erdboden gleichmachen soll. Wo bisher mächtige Spartenfürsten über ihre Reiche herrschten, soll künftig eine direkte Durchgriffsmacht der Zentrale stehen. Damit bricht Busch mit der Tradition des Mischkonzerns und setzt alles auf eine Karte: Agilität durch radikale Vereinfachung.
Die Zerschlagung der internen Supermächte soll den Kundenfokus erzwingen
Im Kern der neuen Strategie steht ein Paradoxon: Um Siemens als Einheit zu stärken, müssen die bisherigen Organisationseinheiten sterben. Die Planungen sehen vor, die Zwischenebenen von DI und SI komplett zu streichen. Stattdessen sollen etwa ein halbes Dutzend Geschäftseinheiten – von der Fabrikautomatisierung bis zum Energiemanagement – direkt unterhalb der Vorstandsebene angesiedelt werden. Dieser direkte Draht nach oben soll Entscheidungsprozesse beschleunigen, die bisher oft in den Mühlen der Spartenbürokratie zermahlen wurden.
Analysten fordern diesen Schritt schon lange, insbesondere um die Transparenz bei den Kennzahlen der Industriesoftware zu erhöhen. Doch der Umbau ist kein reiner Strukturprozess, sondern eine Kampfansage an die Parallelarbeit. „One Tech Company“ soll verhindern, dass verschiedene Einheiten im Geheimen an identischen Technologien basteln. Siemens will künftig als integrierter Lösungsanbieter auftreten, statt dem Kunden ein Sammelsurium an Einzelprodukten vor die Füße zu werfen.

Künstliche Intelligenz wird zum Jobmotor der Produktivitätspeitsche
Während die Konzernspitze von Synergien und Software-Wachstum spricht, wächst an der Basis die Angst vor dem Rotstift. Busch und sein Team drängen mit Vehemenz auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz in den internen Prozessen. In einzelnen Bereichen verspricht sich das Management dadurch Produktivitätssteigerungen von satten 20 Prozent. In der Sprache der Betriebswirtschaft bedeutet das oft: Dieselbe Arbeit mit deutlich weniger Köpfen.
Zwar wird derzeit kein offizielles Kahlschlag-Programm erwartet, da die natürliche Fluktuation viele Lücken schließen könnte. Doch die Transformation der Aufgabenprofile ist gewaltig. Besonders in den Auslandsorganisationen, die bisher oft als „Staat im Staate“ agierten, zieht die Münchener Zentrale die Zügel spürbar an. Werden Doppelfunktionen in Vertrieb, Einkauf und Entwicklung eliminiert, bleibt für viele Karrieren in der mittleren Führungsebene kein Platz mehr.
Der Machtkampf im Vorstand spitzt sich durch die Neuordnung zu
Die strukturelle Neuausrichtung wirbelt auch die Nachfolgeplanung für den Chefposten durcheinander. Bisher galten Cedrik Neike (DI) und Matthias Rebellius (SI) als die starken Männer hinter Busch. Wenn ihre Reiche nun zerstückelt werden, stellt sich die Frage nach der künftigen Machtverteilung. Besonders pikant: Zum 1. Juli soll Strategiechef Peter Körte die operative Verantwortung bei Smart Infrastructure übernehmen.

Sollte die Sparte kurz darauf aufgelöst werden, stünde Körte vor der Aufgabe, sein eigenes Reich direkt wieder zu zerlegen. In Industriekreisen wird bereits spekuliert, dass die Verantwortung für die künftig fünf bis sechs Direkteinheiten neu unter den Vorständen aufgeteilt wird. „Die Zentrale zieht gerade viel an sich“, so ein Insider. Wer in diesem neuen Gefüge die lukrativsten Einheiten wie die „Digital Factory“ oder die Industriesoftware kontrolliert, bringt sich in die Pole-Position für das Jahr 2030, wenn Buschs Vertrag endet.
Historisches Versagen als Mahnmal für den aktuellen Strategie-Sprint
Busch weiß, dass er auf dünnem Eis wandelt. Ähnliche Initiativen unter Namen wie „Siemens One“ oder „One Siemens“ sind in der Vergangenheit kläglich gescheitert oder im Sande verlaufen. Der Widerstand der etablierten Strukturen war stets stärker als der Reformwille der Spitze. Strategiechef Peter Körte gibt sich jedoch kämpferisch: „Die Siemens, die heute agiert, ist eine andere als vor 20 Jahren.“
Doch der Kapitalmarkt bleibt skeptisch. Als Busch im November erste Details nannte, stürzte die Aktie zeitweise um sechs Prozent ab. Die Investoren wollen keine warmen Worte über Integration, sie wollen harte Fakten zur Marge. Die geplante Vorstellung der Pläne im Wirtschaftsausschuss am 19. Mai markiert den nächsten kritischen Meilenstein. Sollte Busch der Umbau gelingen, hätte er Siemens endgültig vom Ballast des 20. Jahrhunderts befreit. Scheitert er am internen Widerstand, droht der Konzern in der Bedeutungslosigkeit zwischen spezialisierten Tech-Giganten zu versinken.
Statt eines ruhigen Ausklangs der Ära Busch beginnt nun die Phase der schmerzhaften Häutung.



