Der Sanierungskurs beim Vertrauen in digitale Finanzdienstleister erleidet einen herben Rückschlag. Laut dem aktuellen Bericht der BaFin-Verbraucherschlichtungsstelle für das Jahr 2025 ist die Zahl der Anträge auf 1.521 hochgeschnellt.

Über die Hälfte aller Schlichtungsverfahren betrifft mittlerweile Wertpapiergeschäfte – und hier zeigen die Finger ganz klar auf die Gruppe der Neobroker. Die Aufseher in Bonn sprechen von "vermehrten Problemen bei bestimmten Instituten", was in der Branche als diplomatischer Code für ein systemisches Versagen bei den Marktführern gewertet wird.
Depotüberträge werden zur unendlichen Odyssee
Ganz oben auf der Sündenliste stehen Depotüberträge, die sich nicht über Wochen, sondern über viele Monate hinziehen. Medienberichte dokumentieren Fälle, in denen Anleger bis zu neun Monate lang keinen Zugriff auf ihre Wertpapiere hatten – ein unhaltbarer Zustand in einem volatilen Marktumfeld. Besonders der Berliner Platzhirsch Trade Republic steht hier im Kreuzfeuer der Kritik.
„Die Serviceprobleme bei Neobrokern reißen nicht ab“, so Stiftung Warentest im Dezember 2025.
Verbraucherzentralen registrierten allein in den ersten drei Quartalen des Vorjahres über 300 Beschwerden über das Unternehmen. Kunden berichten von unzureichenden Standardantworten des Supports und technischen Pannen, die dazu führten, dass internationale Transfers nach Wochen einfach wieder rückabgewickelt werden mussten. Wenn der Zugriff auf das eigene Vermögen zur Glückssache wird, ist die Grenze der Belastbarkeit für viele Privatanleger erreicht.
Steuer-Chaos durch verschollene Kaufdaten
Ein besonders explosives Problem ist das Fehlen oder die fehlerhafte Übermittlung von Anschaffungsdaten. Wenn Wertpapiere ohne die korrekten Kaufkurse im neuen Depot landen, kann die Bank den steuerpflichtigen Gewinn beim Verkauf nicht exakt berechnen. Die Folge: Kunden drohen falsche Steuerabrechnungen und langwierige Konflikte mit dem Finanzamt.

Neben Trade Republic geriet Ende 2025 auch der Konkurrent Scalable Capital in die Schlagzeilen. Während einer Plattform-Migration häuften sich Berichte über verschwundene Einstandskurse. Die BaFin reagierte bereits im August 2025 mit einer scharfen Aufsichtsmitteilung und forderte die Broker auf, Anfragen zügiger zu bearbeiten und Kunden proaktiv über Einschränkungen zu informieren. Doch die aktuellen Zahlen zeigen, dass die Warnschüsse aus Bonn bisher kaum gefruchtet haben.
Schlichtung als letzter Rettungsanker für geprellte Kunden
Für die Betroffenen bleibt oft nur der Gang zur offiziellen Schlichtungsstelle. Diese arbeitet für Verbraucher kostenlos und erzielt in etwa der Hälfte der zulässigen Fälle eine einvernehmliche Lösung. Im Jahr 2025 erkannten die Institute in 288 Fällen die Ansprüche der Kunden vollständig an – ein stillschweigendes Eingeständnis der eigenen Fehler.
Mit einer durchschnittlichen Verfahrensdauer von 49 Tagen bietet die BaFin zwar einen Ausweg, doch der Imageschaden für die Neobroker-Branche ist immens. Wer mit "Banking per App" und maximalem Komfort wirbt, dann aber bei grundlegenden Prozessen wie dem Steuerabzug oder dem Kundenservice versagt, riskiert seine Existenzgrundlage.
Die Finanzaufsicht betont, die Beschwerden "sehr ernst" zu nehmen. Hinter den Kulissen dürfte der Druck auf Trade Republic und Scalable Capital massiv steigen, ihre technischen Infrastrukturen endlich auf das Niveau ihrer Marketingversprechen zu heben.



