Ein Angebot mit Signalwirkung – und einem Haken im Kleingedruckten
Montag, Wochenbeginn, Paukenschlag: Scalable Capital kündigt Tagesgeldkonten an – mit 2,5 Prozent Zinsen. Der Neobroker übertrumpft damit den bisherigen Branchenführer Trade Republic deutlich, der weiterhin zwei Prozent zahlt. Im Reddit-Forum berichten Nutzer bereits, Gelder umgeschichtet zu haben. Die Resonanz ist groß, die Schlagzeilen positiv.
Doch hinter der Zinsoffensive steckt ein Detail, das Verbraucherschützer alarmiert – und das die meisten Kunden erst entdecken, wenn sie bis ans Ende der Webseite scrollen.
Was Scalable wirklich anbietet – je nach Modell
Der entscheidende Unterschied liegt in der Produktstruktur. Im kostenpflichtigen Prime+-Modell werden Einlagen bei der Scalable Capital Bank sowie vier Partnerbanken verwahrt. Bis zu 500.000 Euro sind damit über die gesetzliche Einlagensicherung von je 100.000 Euro pro Institut geschützt. Darüber hinaus übernehmen weitere Banken mit freiwilliger Einlagensicherung.
Im kostenlosen Free-Modell ist die Konstruktion anders. Dort fließen nicht-investierte Einlagen auch in qualifizierte Geldmarktfonds – kurzlaufende Anleihefonds, die als sehr sicher gelten, aber eben nicht der gesetzlichen Einlagensicherung unterliegen. Geldmarktfonds sind Sondervermögen: Bei einer Bankeninsolvenz bleiben sie zugänglich. Fällt jedoch ein Anleiheemittent im Fonds aus, kann das den Fondswert belasten.

Das Risiko ist gering, aber es existiert. Und es unterscheidet dieses Produkt fundamental vom klassischen Tagesgeld, das Kunden kennen und erwarten.
Verbraucherschützer: Ein Hinweis in der Fußnote reicht nicht
Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg benennt das Problem präzise. „Ein als Tagesgeld bezeichnetes Konto muss aus Verbrauchersicht unseres Erachtens vollständig der gesetzlichen Einlagensicherung unterliegen", sagte er der WirtschaftsWoche. Scalable Capital informiere über die Geldmarktfonds-Komponente im Free-Modell lediglich in einer Fußnote am Ende der Seite.
„Ein Hinweis in einer Fußnote reicht meines Erachtens nicht aus, da Verbraucher bei Tagesgeld ein gesichertes Bankguthaben erwarten", so Nauhauser. Kritik übt er auch an der Produktbezeichnung selbst: „Die Bezeichnung ist problematisch, weil sie ein anderes Schutzniveau suggeriert, als tatsächlich besteht."
Scalable Capital bewirbt derweil prominent die „mehrfache Einlagensicherung" des kostenpflichtigen Prime+-Modells – stellt aber die strukturell abweichenden Bedingungen des Free-Modells nicht gleichwertig in den Vordergrund.
Scalable Capital weist zurück – und hat rechtlich recht
Die Antwort des Unternehmens ist glatt und selbstbewusst. Eine Sprecherin verweist auf die große positive Resonanz in Presse und unter Verbrauchern. Julius Weller, Vice President Broker bei Scalable Capital, betont: „Der Begriff Tagesgeld ist nicht gesetzlich definiert."
Das stimmt. Auch die BaFin bestätigt auf Anfrage, dass der Begriff keine regulatorische Definition hat. Scalable Capital bewegt sich im rechtlichen Rahmen. Kunden können zudem frei wählen, ob sie die Geldmarktfonds-Variante oder das vollständig einlagengesicherte Modell bevorzugen.
Rechtlich sauber. Kommunikativ fragwürdig.

Eine Debatte, die schon einmal geführt wurde
Das Thema ist nicht neu. Anfang 2025 hatte eine WirtschaftsWoche-Recherche zu den Zinspraktiken der Neobroker bereits eine öffentliche Debatte ausgelöst. Damals wie heute war die zentrale Frage, ob Scalable Capital und Trade Republic klar genug kommunizieren, dass Kundengelder teilweise in Geldmarktfonds fließen. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hatte daraufhin beide Unternehmen abgemahnt.
Dass Scalable Capital wenige Monate später dieselbe Struktur unter dem Markennamen „Tagesgeld" neu lanciert und die kritische Komponente erneut in eine Fußnote verlagert, ist entweder Vergesslichkeit oder Kalkül.
2,5 Prozent sind attraktiv – aber Klarheit wäre besser
Scalable Capital hat mit dem Tagesgeldangebot einen echten Wettbewerbsvorteil geschaffen. Trade Republic unter Druck zu setzen ist gelungen, die Kundenreaktion ist positiv, und das Zinsniveau ist am Markt derzeit unschlagbar.
Doch der Preis dieser Offensive ist eine Transparenzlücke, die Verbraucherschützer zu Recht benennen. Wer 2,5 Prozent Zinsen anbietet und damit Milliarden an Kundengeldern bewegt, hat eine Verantwortung, die über die Fußnote hinausgeht.
Der Begriff Tagesgeld mag nicht gesetzlich definiert sein. Das Vertrauen, das er weckt, ist es aber sehr wohl.


