Das Experiment ist gescheitert, und zwar spektakulär. Die kanadische Fluggesellschaft WestJet hat am Freitag bekannt gegeben, dass sie ihre Pläne zur Einführung von nicht verstellbaren Economy-Sitzen in bestimmten Boeing 737-Jets vollständig streicht. Die Entscheidung folgt auf eine Welle der Empörung, die sich sowohl in den sozialen Medien als auch innerhalb der eigenen Belegschaft Bahn brach.

Auslöser für die radikale Kehrtwende waren Videos auf diversen Plattformen, die ein erbärmliches Bild der modernen Luftfahrt zeichneten: Reisende, deren Knie schmerzhaft gegen die Vordersitze gepresst wurden. Der Sitzabstand war auf mickrige 28 Zoll (ca. 71 cm) reduziert worden – eine Grenze, die selbst für leidensfähige Economy-Passagiere überschritten war.
Die aggressive Strategie der Kabinenverdichtung ist am Kundenwiderstand zerschellt
Hinter der ursprünglichen Maßnahme stand eine kühle Kalkulation. WestJet, unterstützt durch den Finanzinvestor Onex Corp, wollte durch die Verdichtung der hinteren Reihen Platz für profitablere Premium-Sitze im vorderen Teil der Kabine schaffen. Dies war ein klassischer Test der sogenannten „Add-on-Kultur“: Wer Komfort will, soll extra zahlen. Verstellbare Sitze blieben zwar verfügbar, allerdings nur gegen Aufpreis.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Was in den Vorstandsetagen als Effizienzsteigerung verkauft wurde, entpuppte sich in der Realität als PR-Desaster. CEO Alexis von Hoensbroech versuchte in einer Stellungnahme die Wogen zu glätten, indem er darauf hinwies, dass solche Sitzabstände global durchaus populär seien, um günstige Tarife zu ermöglichen. Gleichzeitig musste er jedoch eingestehen, dass eine schnelle Reaktion notwendig sei, wenn die Bedürfnisse der Gäste so offensichtlich verfehlt würden.
Die Fluggesellschaft bestätigte, dass sie nun zu ihrer vorherigen Standardkonfiguration zurückkehren wird. Die Analyse der Betriebsdaten und das massive negative Feedback ließen dem Management faktisch keine andere Wahl.
Sicherheitsbedenken und ein feindseliges Arbeitsumfeld zwangen das Management zum Handeln
Der Druck kam nicht nur von der zahlenden Kundschaft. Auch das eigene Personal lief Sturm gegen die neuen Sardinenbüchsen-Konfigurationen. Piloten und Flugbegleiter äußerten massive Bedenken hinsichtlich der Sicherheit. Im Fokus stand dabei die Frage, ob Passagiere aus einem derart beengten Raum im Notfall schnell genug evakuiert werden könnten.
Alia Hussain, Präsidentin der lokalen Gewerkschaft für das Kabinenpersonal, begrüßte die Entscheidung von WestJet ausdrücklich. Die Flugbegleiter sahen sich an vorderster Front mit der Wut der Passagiere konfrontiert. Die Situation eskalierte so weit, dass Crewmitglieder eigenmächtig Sitze von großen Reisenden tauschen mussten, um physische Schmerzen zu vermeiden.
Hussain beschrieb die Situation drastisch: Die Konfiguration habe ein „feindseliges Arbeitsumfeld“ für das Kabinenpersonal geschaffen. Dass eine Airline ihre eigene Crew derartigen Konflikten aussetzt, zeugt von einer eklatanten Fehleinschätzung der operativen Realität an Bord.
Der Markt markiert die absolute Schmerzgrenze der Gewinnmaximierung
Dieser Vorfall ist mehr als nur eine korrigierte Fehlentscheidung einer einzelnen Airline. Er ist ein Indikator für die Grenzen der Leidensfähigkeit von Konsumenten. Während Airlines weltweit versuchen, jeden Zentimeter Kabinenraum zu monetarisieren, zeigt der Fall WestJet, dass physische Unversehrtheit und ein Mindestmaß an Würde nicht wegdiskutiert werden können.
Die Videos der eingequetschten Knie wirkten als Katalysator, der die abstrakte Diskussion über Sitzabstände in eine greifbare Empörung verwandelte. Das Management von Onex und WestJet hat gelernt, dass die Elastizität der Nachfrage dort endet, wo die physische Unmöglichkeit beginnt.



