In den Chefetagen der deutschen Rüstungsindustrie verschieben sich die Koordinaten. Was jahrelang als unangreifbare Domäne von Rheinmetall galt, bekommt nun Risse: Die Produktion von Artilleriemunition. Das Bundeskartellamt hat am Dienstag grünes Licht für ein Joint Venture gegeben, das die Marktdynamik in Deutschland grundlegend verändern wird. Der norwegische Konzern Nammo Raufoss und der deutsche Spezialist Diehl Defence schließen sich zusammen, um 155-Millimeter-Geschosse in großem Stil zu fertigen.
Es ist eine strategische Attacke auf die Vormachtstellung von Rheinmetall. In einer Zeit, in der die Lager der Bundeswehr leergefegt sind und die Nachfrage nach Artilleriegranaten durch den Ukraine-Krieg astronomische Höhen erreicht hat, entsteht nun ein potenter Herausforderer. Für das Bundeskartellamt ist dieser Schritt kein kartellrechtliches Risiko, sondern im Gegenteil: eine notwendige Maßnahme, um den Wettbewerb überhaupt erst zu beleben.
Ein norwegisch deutsches Bündnis bricht die Marktstarre auf
Hinter dem trockenen Behördenbescheid steckt ein industriepolitischer Coup. Nammo Raufoss, bisher ohne eigene Fertigung in Deutschland, bringt das wertvolle geistige Eigentum und die technischen Bauteile in die Ehe ein. Diehl Defence hingegen stellt die physische Infrastruktur bereit und errichtet eine neue, hochmoderne Produktionsanlage auf deutschem Boden. Damit wandelt sich Diehl vom Nischenanbieter für Lenkflugkörper zum ernsthaften Schwergewicht im Bereich der Massenmunition.

„Nammo und Diehl werden durch ihre Zusammenarbeit überhaupt erst zu einem leistungsfähigen Wettbewerber“, stellt Kartellamtschef Andreas Mundt nüchtern fest. Es ist die Bestätigung dafür, dass der deutsche Staat händeringend nach Alternativen zu Rheinmetall sucht, um die Abhängigkeit von einem einzigen Großlieferanten zu reduzieren. Diehl Defence, mit Sitz im beschaulichen Überlingen am Bodensee, rückt damit ins Zentrum der nationalen Sicherheitsstrategie.
Milliardenaufträge der Bundeswehr dienen als Treibstoff für das Joint Venture
Der Startschuss für das Gemeinschaftsunternehmen ist kein Zufall, sondern die direkte Folge eines gewonnenen Großauftrags. Nammo und Diehl hatten sich bei einer Ausschreibung der Bundeswehr gegen die Konkurrenz durchgesetzt. Ohne die nun genehmigte Gründung des Joint Ventures hätte der Auftrag gar nicht ausgeführt werden dürfen – eine bürokratische Hürde, die nun offiziell aus dem Weg geräumt ist.
Das Potenzial ist gewaltig: Neben der Bundeswehr sind auch befreundete Staaten berechtigt, die Munition aus der neuen Produktion zu beziehen. In einer Welt, in der die 155-Millimeter-Granate zur „Währung“ moderner Konflikte geworden ist, bedeutet eine zusätzliche Produktionsstraße in Deutschland eine erhebliche Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit. Es ist die Antwort auf die Erkenntnis, dass industrielle Kapazitäten heute ebenso wichtig sind wie technologische Überlegenheit.

Der Preisdruck auf Rheinmetall steigt durch das neue Power Duo
Für Rheinmetall-Chef Armin Papperger dürfte die Nachricht aus Bonn eine ungemütliche Botschaft enthalten. Bisher konnte der Konzern aus Düsseldorf die Konditionen für Artilleriemunition in Deutschland weitgehend diktieren. Mit dem Markteintritt des Nammo-Diehl-Gespanns gerät das Preisgefüge unter Druck. Wenn zwei Player um die begrenzten Budgets des Verteidigungsministeriums buhlen, steigt die Verhandlungsmacht des Staates.
Dass Diehl nun massiv in neue Anlagen investiert, unterstreicht die Langfristigkeit dieses Vorhabens. Es geht nicht um eine kurzfristige Produktion, sondern um die Etablierung einer zweiten, dauerhaften Säule in der deutschen Munitionslandschaft. Während Rheinmetall weiterhin expandiert, zeigt dieser Fall, dass die Konkurrenz nicht schläft, sondern sich über nationale Grenzen hinweg verbündet, um die Vorherrschaft zu brechen.
Es ist ein klassisches Beispiel für industriellen Wettbewerb unter Hochdruck. Am Ende gewinnt vor allem einer: der Steuerzahler, der für die Wiederbewaffnung der Bundeswehr nun auf marktgerechtere Preise hoffen darf.

