Deutschland zittert vor dem Drachen. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz in wenigen Tagen in die Regierungsmaschine Richtung Peking steigt, hat er nicht nur 30 nervöse Dax-Chefs im Schlepptau, sondern die nackte Angst der deutschen Industrie. Die Abhängigkeit von China ist längst keine abstrakte Gefahr mehr, sondern eine wirtschaftliche Realität, die jederzeit zum Todesstoß für Flaggschiffe wie Volkswagen oder Mercedes werden kann.
Peking beweist seine Macht bereits jetzt mit brutaler Konsequenz: Der Export von Germanium – unverzichtbar für Mikrochips und Rüstungsgüter – wurde um 60 Prozent gedrosselt. Während in Deutschland die Bänder stillzustehen drohen, fließt das wertvolle Metall ungehindert nach Russland. Es ist eine strategische Strangulierung, auf die Berlin nun mit einer Maßnahme antworten will, die bisher als politisches Tabu galt: der massiven Neuverschuldung für die Rohstoffsicherheit.

Die Lage ist so prekär, dass die Bundesregierung offenbar bereit ist, das Heiligtum der Schuldenbremse zu opfern. Was bisher nur für die direkte militärische Aufrüstung galt, soll nun auf die Sicherung strategischer Ressourcen ausgeweitet werden. Denn eines ist klar: Panzer ohne Computerchips und Nachtsichtgeräte sind in der modernen Kriegsführung wertloses Altmetall.
SPD-Duo Klingbeil und Pistorius fordert Milliarden-Sondervermögen für Rohstoffe
Der Vorstoß kam am Wochenende mit der Wucht eines Paukenschlags auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Finanzminister Lars Klingbeil und Verteidigungsminister Boris Pistorius machten unmissverständlich klar, dass die bisherige Strategie gescheitert ist. „Wir sprechen hier von vielen, vielen Milliarden“, betonte Pistorius. Die Loslösung deutscher Rüstungskonzerne wie Rheinmetall von chinesischen Zulieferern sei eine der größten Herausforderungen der „Zeitenwende“.

Hinter den Kulissen des Nationalen Sicherheitsrates wird bereits an einem Plan gefeilt, wie die 2025 beschlossene Lockerung der Schuldenbremse umgedeutet werden kann. Da Verteidigungsausgaben über einem Prozent des BIP bereits von der Schuldenbremse ausgenommen sind, soll die Rohstoffsicherung nun schlichtweg als integraler Bestandteil der nationalen Verteidigung definiert werden.
Es ist eine Flucht nach vorn. Bisher dümpelt der staatliche Rohstofffonds bei einer Milliarde Euro vor sich hin – eine Summe, die angesichts der globalen Rohstoffpreise kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Dass von dieser Milliarde nach anderthalb Jahren erst 150 Millionen Euro verplant sind, zeigt zudem das bürokratische Versagen, das Deutschland in die aktuelle Sackgasse manövriert hat.
Project Vault: Donald Trump lockt Berlin in eine transatlantische Rohstoff-Allianz
Doch Berlin steht nicht allein unter Druck. Aus Washington weht ein scharfer Wind. US-Präsident Donald Trump hat mit dem „Projekt Tresor“ (Project Vault) ein 12 Milliarden Dollar schweres Programm gestartet, um die USA und ihre Verbündeten aus der chinesischen Umklammerung zu lösen. Trump fordert von Europa eine klare Positionierung – und vor allem: Taten.
Ein erstes Abkommen zwischen den USA und der EU zur strategischen Bevorratung wurde bereits unterzeichnet. Für Merz bedeutet das: Beim geplanten Treffen mit Trump Anfang März muss er handfeste Zusagen im Gepäck haben. Die Lockerung der Schuldenbremse für Rohstoffkäufe wäre genau das Signal, das man im Weißen Haus erwartet. Deutschland würde sich damit in das US-geführte System der „Schatzkammern“ einreihen, während Länder wie Japan bereits Vorräte für 180 Tage horten.
In Deutschland gibt es solche staatlichen Lagerstätten bisher nicht. Während im Fall von Erdöl strenge Regeln gelten, vertraute die Politik bei kritischen Mineralien bisher auf den freien Markt – ein fataler Irrtum, wie sich nun herausstellt. Die Regierung prüft deshalb fieberhaft, wie sie Unternehmen Anreize für eine strategische Bevorratung bieten kann, ohne das Staatsbudget im Hier und Jetzt zu sprengen.

Grüner Widerstand: Franziska Brantner warnt vor einem Schuldenrausch ohne Strategie
Doch der Plan stößt auf erbitterten Widerstand im eigenen Land. Grünen-Chefin Franziska Brantner, die den Rohstofffonds ursprünglich mitorganisiert hatte, hält die Schuldendiskussion für eine gefährliche Nebelkerze. „Neue Milliarden allein bringen nichts, wenn die Entscheidungsprozesse nicht entbürokratisiert werden“, warnt sie.
Brantner fordert statt neuer Kredite eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren und verbindliche Abnahmeverträge der Industrie. Wer Rohstoffe fördern oder recyceln will, braucht Planungssicherheit durch den Markt, nicht nur einmalige staatliche Finanzspritzen. Zudem warnt sie davor, die Schuldenbremse durch immer neue Ausnahmen komplett auszuhöhlen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Friedrich Merz den Mut aufbringt, den Gordischen Knoten aus Schuldenangst und Rohstoffhunger zu durchschlagen. Die Kommission zur Reform der Schuldenbremse wird ihre Ergebnisse im Frühjahr vorlegen – pünktlich zum Showdown um die deutsche Industriesouveränität.
Am Ende geht es um mehr als nur Geld: Es geht um die Frage, ob Deutschland bereit ist, den Preis für seine Freiheit zu zahlen – oder ob der Drache in Peking weiterhin die Bedingungen diktiert.


