Es ist eine trügerische Stille, die über dem Persischen Golf und den deutschen Fabrikhallen liegt. Zwar schweigen seit der Nacht zu Mittwoch offiziell die Waffen zwischen den USA und dem Iran, doch für die deutsche Industrie ist der Schaden längst zementiert. Es ist ein ökonomisches Gift, das sich schleichend durch die Lieferketten fräst. Während in der Straße von Hormus die Schifffahrt nur zögerlich anläuft, kämpfen Betriebe wie die traditionsreiche Gießerei Lößnitz in Sachsen ums nackte Überleben. Der Traum von einem Aufschwung, der die Stagnation der letzten drei Jahre beenden sollte, ist einer bitteren Realität gewichen: Das Wachstum wird 2026 laut Experten auf mickrige 0,6 Prozent zusammengestrichen.
Der Mittelstand, personifiziert durch Unternehmer wie Max Jankowsky, steht am Abgrund. In Lößnitz, wo seit 1849 Eisen geschmolzen wird, fressen die Treibstoffkosten für 1.700 Lkw-Ladungen pro Jahr die letzten Rücklagen auf. „Wir sind nicht unsterblich“, warnt Jankowsky. Es ist ein Hilferuf, der stellvertretend für eine ganze Klasse von Industrieunternehmen steht, die zwischen den Fronten der Geopolitik zerrieben werden. Die Waffenruhe ist kein Frieden, und die Normalisierung der Energiepreise wird Monate, wenn nicht Jahre dauern.
Die Politik in Berlin arbeitet sich an ökonomischen Unsinnigkeiten ab
In der Regierungszentrale scheint man die Tragweite der Krise noch immer mit symbolpolitischen Pflastern heilen zu wollen. Statt der versprochenen großen Strukturreformen dominieren Debatten über Tankrabatte und Pendlerpauschalen das Geschehen. Die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) droht, das Zeitfenster für eine echte Staatsmodernisierung zu verpassen. Ein geplanter „Herbst der Reformen“ verstrich ohne nennenswerte Ergebnisse, und nun zwingt der Iran-Krieg die Regierung in den permanenten Krisenmodus.
Der Druck auf die öffentlichen Kassen wächst dabei stündlich. Ein einbrechendes Wachstum bedeutet niedrigere Steuereinnahmen, während die Ausgaben für Sozialleistungen steigen. Schon jetzt klafft in der mittelfristigen Finanzplanung ein Loch von über 20 Milliarden Euro für das Jahr 2027. Sollte die Konjunktur nun endgültig abgewürgt werden, droht die Schuldenregel zur einzigen Handlungsoption zu werden – ein riskantes Spiel mit der finanziellen Stabilität des Landes.

Der Arbeitsmarkt verliert seinen Schwung und belastet die Sozialkassen
Besonders düster sieht es an der Beschäftigungsfront aus. Die Arbeitslosenzahlen stagnieren seit Monaten auf hohem Niveau, und die Marke von drei Millionen Erwerbslosen wurde bereits im Januar überschritten. Laut Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, fehlt jegliche konjunkturelle Belebung. Viele Betriebe sind in eine Schockstarre verfallen und halten sich mit Neueinstellungen extrem zurück. Dies hat fatale Folgen für die Sozialversicherungen: Renten-, Kranken- und Pflegekassen verzeichnen bereits jetzt Mindereinnahmen in Milliardenhöhe.
Die Forderungen der Wirtschaft nach radikalen Entlastungen werden derweil immer lauter. Während die Bauindustrie auf Preisgleitklauseln pocht, um nicht auf den Kosten für Diesel und Bitumen sitzen zu bleiben, schlägt der IHK-Präsident Jankowsky eine drastische Senkung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe vor – von 19 auf 7 Prozent. Doch in Berlin zögert man. Man wolle „nicht mehr jedes Problem mit noch mehr Geld beantworten“, heißt es aus dem Umfeld von Klingbeil. Es ist eine Gratwanderung zwischen fiskalischer Disziplin und dem Risiko, den industriellen Kern des Landes endgültig zu verlieren.
Bürokratiebeton und geopolitische Risiken ersticken den Unternehmergeist
Inmitten dieser Misere rufen Minister wie Karsten Wildberger dazu auf, den „Bürokratiebeton“ zu sprengen und aufs Gaspedal zu treten. Die Staatsmodernisierung sei kein Selbstzweck, sondern der notwendige Motor für künftiges Wachstum. Doch zwischen markigen Sprüchen und der Umsetzung in den Amtsstuben klafft eine tiefe Lücke. Die Koalition steht vor ihrer größten Bewährungsprobe: Gelingt der Durchbruch bei den Reformen nicht noch in diesem Jahr, droht nicht nur der wirtschaftliche, sondern auch der politische Totalschaden.
Für die Gießerei in Lößnitz und Tausende andere Betriebe ist die Zeit der Adjektive abgelaufen. Die „schwerste fossile Energiekrise unserer Zeit“, wie es Ökonomen nennen, lässt keinen Raum für zögerliches Handeln. Wenn die Regierung den Ernst der Lage nicht erkennt, wird die deutsche Wirtschaft im Jahr 2027 nicht wieder auferstehen, sondern sich in einer dauerhaften Deindustrialisierung wiederfinden.
