Die Transformation zur Elektromobilität zwingt deutsche Automobilzulieferer zu einer drastischen strategischen Neuausrichtung
Die Absatzschwäche der deutschen Automobilindustrie und der strukturelle Wandel hin zur Elektromobilität hinterlassen tiefe Spuren in der Zuliefererlandschaft. Besonders in den ostdeutschen Industrieclustern in Sachsen und Thüringen ist ein massiver Jobabbau die unmittelbare Folge der sinkenden Pkw-Nachfrage.
Parallel dazu verzeichnet der Verteidigungssektor aufgrund geopolitischer Konflikte, insbesondere des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, ein historisches Wachstum. Diese diametral entgegengesetzte Entwicklung zwingt traditionelle Kfz-Zulieferer, völlig neue Geschäftsmodelle zu evaluieren.
Eine aktuelle Analyse des Verbandes Automotive Thüringen, für die bundesweit 150 Zulieferer der Rüstungsindustrie untersucht wurden, belegt diese Verschiebung. Zahlreiche Unternehmen der Automobilbranche fertigen bereits für den Sektor der Verteidigungsindustrie, insbesondere im Sonderfahrzeugbau, bei der Panzerung sowie im Bereich Optik und Elektronik.
„Rüstung ist nicht der alleinige Rettungsanker für den Automotive-Bereich, aber die Unternehmen müssen sich breiter aufstellen und da kann Rüstung eine Komponente sein“, so Branchenexperte Werner Olle.
Große Rüstungskonzerne wie KNDS und Rheinmetall nutzen die frei werdenden Industriekapazitäten gezielt für ihr eigenes Wachstum
Die Rüstungsindustrie absorbiert zunehmend brachliegende industrielle Infrastruktur. Der Rüstungskonzern KNDS hat die Übernahme des ehemaligen Waggonwerks im sächsischen Görlitz bereits vollzogen, um dort zukünftig Panzerteile zu produzieren.
Auch die großen Pkw-Fahrzeughersteller selbst prüfen entsprechende strategische Optionen, um den Abbau von Überkapazitäten abzufedern. Volkswagen führt nach eigenen Angaben derzeit Gespräche mit Rüstungsunternehmen, um eine tragfähige Perspektive für das insolvenzbedrohte Werk im niedersächsischen Osnabrück zu finden.

Bei den Zulieferern ist das Interesse an diesem Pivot massiv. Eine Branchenumfrage aus dem Vorjahr zeigt, dass rund 75 Prozent der Unternehmen im Verband Automotive Thüringen bereits im Bereich Verteidigung tätig sind oder einen Einstieg aktiv forcieren.
„Das Fenster ist da“, so Rico Chmelik, Geschäftsführer des Verbandes Automotive Thüringen.
Der Einstieg in den Rüstungsmarkt erfordert von mittelständischen Automobilzulieferern die Überwindung enormer Markteintrittsbarrieren
Trotz der technologischen Überschneidungen warnt die Studie vor naiven Einstiegsszenarien. Die Verteidigungsindustrie operiert mit fundamental anderen Vergabestrukturen, staatlichen Auftraggebern und extrem spezifischen Zertifizierungsanforderungen, was den Sektor zu Neuland für Kfz-Spezialisten macht.
Um diese strukturellen Hürden zu meistern, raten Analysten zu strategischen Kooperationen. Der erfolgreiche Markteintritt gelingt vor allem dann, wenn Zulieferer Komponenten an etablierte Rüstungsgiganten wie Rheinmetall, Airbus oder KNDS liefern oder Joint Ventures mit bereits zertifizierten Unternehmen eingehen.
Politische Widerstände gegen diese Militarisierung der Zuliefererkette formieren sich jedoch. Vertreter der Partei Die Linke fordern, die Kapazitäten primär für zivile Sektoren wie den öffentlichen Personennahverkehr oder landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge zu reservieren.
„Das ist ein großer Vorteil, um einen Einstieg in die Sondernutzfahrzeugsparte zu finden“, so Andreas Schubert, wirtschaftspolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Linken in Erfurt.
Die Börse honoriert die robuste Auftragslage der Verteidigungsindustrie mit signifikanten Kursgewinnen bei deutschen Rüstungswerten
Die fundamentale Stärke des Rüstungssektors und der Ausbau industrieller Fertigungskapazitäten spiegeln sich deutlich in der aktuellen Kapitalmarktentwicklung wider. Investoren bewerten die Aussicht auf langfristige staatliche Rüstungsaufträge äußerst positiv.
Im XETRA-Handel verbuchte die Aktie des Düsseldorfer Konzerns Rheinmetall zuletzt deutliche Gewinne und stieg zeitweise um 0,95 Prozent auf einen Wert von 1.650,50 Euro. Auch andere Branchenakteure partizipieren an diesem Marktmomentum.
Die Papiere des Augsburger Getriebespezialisten RENK legten um 2,62 Prozent auf 58,28 Euro zu. Der Sensorik-Konzern HENSOLDT verzeichnete parallel einen Kursanstieg von 2,98 Prozent auf 84,60 Euro, während die Aktien von TKMS mit einem Plus von 2,28 Prozent bei 89,65 Euro notierten.


