Der Plan klang nach politischer Tatkraft, doch die Realität an Deutschlands Tankstellen ist ein wirtschaftliches Trümmerfeld. Seit genau einer Woche dürfen die Preise für Kraftstoff nur noch einmal täglich – pünktlich um 12 Uhr – angehoben werden. Was als Schutzschild gegen die kriegsbedingte Preisexplosion im Iran gedacht war, hat sich in sein exaktes Gegenteil verkehrt. An den Anzeigetafeln zwischen Stuttgart und Karlsruhe regiert nicht die Entspannung, sondern der nackte Zorn der Verbraucher.
Wer heute vor 12 Uhr an die Zapfsäule fährt, tut dies oft aus schierer Angst vor dem nächsten Sprung. Die neue Regelung hat ein absurdes System geschaffen: Da die Konzerne nur ein einziges Mal am Tag nach oben korrigieren dürfen, kalkulieren sie vorsichtshalber mit massiven Puffern. Es ist ein staatlich induzierter Preistreiber. „Wenn man den Mineralölkonzernen nur noch einmal am Tag die Möglichkeit gibt, die Preise zu erhöhen, dann überziehen sie ein Stück weit“, bringt es eine Sprecherin des ADAC auf den Punkt.
Tankstellenbetreiber kapitulieren vor der unberechenbaren Preisdiktatur der Konzerne
Für die Pächter vor Ort ist die Situation existenzbedrohend. Diethelm Jaspers, der vier Tankstellen im Stuttgarter Raum betreibt, reagiert auf die Frage nach dem Erfolg der 12-Uhr-Regel nur noch mit galligem Lachen. Für ihn ist das Gesetz schlicht ein „Witz“. Früher sorgte der ständige Wettbewerb für ein Auf und Ab der Preise; heute gibt es fast nur noch eine Richtung: nach oben. „Jetzt gehen sie hoch und nicht mehr so viel runter“, so Jaspers.
Besonders absurd wird es bei den freien Tankstellen. Betreiber wie Thomas Zens aus der Nähe von Karlsruhe müssen ihre Preise um Punkt 12 Uhr buchstäblich „auf Verdacht“ festlegen. Ohne zu wissen, wie die Konkurrenz reagiert, schlägt er präventiv acht bis zehn Cent auf seinen Einkaufspreis auf, um nicht in die Verlustzone zu rutschen. Es ist ein ökonomisches Blindflug-Experiment auf dem Rücken der Autofahrer, das jegliche Markttransparenz ad absurdum führt.
Während die Politik in Berlin über weitere Eingriffe wie Preisdeckel oder die Abschöpfung von Übergewinnen schwadroniert, fordern Praktiker wie Jaspers eine radikale Senkung der Mineralölsteuer. Es ist der einzige Hebel, der unmittelbar wirken würde, doch die Regierung klammert sich stattdessen an bürokratische Kontrollinstrumente, die in der freien Marktwirtschaft verpuffen.

Top-Ökonom warnt vor dem staatlichen Rettungswahn und fordert Preissignale
Gegenwind für die staatliche Interventionslust kommt auch aus der Wissenschaft. Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld von der Universität Freiburg rät dringend davon ab, die natürlichen Preisbewegungen durch Verordnungen zu unterbinden. Seiner Analyse nach sind hohe Preise notwendig, um den Verbrauch zu drosseln – ein marktwirtschaftlicher Mechanismus, den der Staat derzeit mit zweifelhaften Regeln zu blockieren versucht. Feld kritisiert, dass seit der Corona-Pandemie bei jedem Problem sofort nach dem Staat gerufen werde, was oft mehr schade als nütze.
Besonders bitter für die Autofahrer: Selbst positive Signale vom Weltmarkt kommen an der Zapfsäule nicht an. Obwohl die Ankündigung einer Waffenruhe im Iran die Rohölpreise teils drastisch fallen ließ, stiegen die Preise an den Tankstellen pünktlich um 12 Uhr weiter an – teils um bis zu sieben Cent pro Liter Super. Die Konzerne nehmen die gesunkenen Einkaufspreise als Gewinnmarge mit, während der Staat ihnen durch die starre Zeitvorgabe eine perfekte Entschuldigung für das Verharren auf hohem Niveau liefert.
Laut Feld wird es mindestens bis zum Ende der zweiwöchigen Waffenruhe dauern, bis die Entlastung beim Bürger ankommt – falls der Frieden überhaupt hält. Bis dahin bleibt das Tanken ein Glücksspiel, bei dem das Haus – in diesem Fall die Mineralölindustrie – immer gewinnt.
Die totale Elektrifizierung des Verkehrs wird durch den Spritpreis-Schock zum Selbstläufer
Inmitten des Chaos zeichnet sich ein einziger Profiteur ab: die Elektromobilität. Der massive Preisdruck an den Zapfsäulen wirkt wie ein Katalysator für die Antriebswende. „Meines Erachtens sind solche Preissteigerungen viel wirkmächtiger als alle Subventionen“, beobachtet Lars Feld. Der Markt für gebrauchte E-Autos boomt bereits, da immer mehr Pendler die Reißleine ziehen und sich von der Abhängigkeit fossiler Brennstoffe lösen wollen.
Am Ende könnte die gescheiterte 12-Uhr-Regel als das Ereignis in die Geschichte eingehen, das den Verbrennungsmotor schneller beerdigt hat, als es jede Umweltprämie je vermocht hätte. Doch für die Millionen von Menschen, die heute auf ihren Diesel angewiesen sind, bleibt das tägliche 12-Uhr-Beben eine finanzielle Demütigung ohne Aussicht auf schnelle Besserung. Der Staat hat versucht, den Markt zu zähmen, und hat stattdessen ein Monster erschaffen.
