Die scheinbare Ruhe an den US-Finanzmärkten ist eine gefährliche Illusion. Zwar haben sich die Kurse nach dem beispiellosen Schock der Ermittlungen gegen Notenbankchef Jerome Powell erstaunlich schnell erholt, doch Smart Money weiß es besser. Das juristische Vorgehen der US-Regierung gegen den wichtigsten Währungshüter der Welt war kein Ausrutscher.
Es war der Startschuss für eine Neuordnung der Geldpolitik, die jeden Anleger direkt im Geldbeutel treffen wird. Wer glaubt, die Attacken seien nur taktisches Geplänkel, ignoriert die fundamentale Verschiebung der Machtverhältnisse in Washington. Die Optimisten liegen falsch.

Die Personaldiskussion um die Nachfolge gleicht einem toxischen Machtpoker
Donald Trump heizt die Spekulationen bewusst an, anstatt für die nötige Klarheit zu sorgen. Kevin Hassett, lange als Favorit gehandelt, wird nun wohl doch im Weißen Haus als Wirtschaftsberater festgehalten. Die Begründung wirkt vorgeschoben: Niemand erkläre Trumps Politik so gut wie er.
Das katapultiert Kevin Warsh in die Pole Position, doch Vorsicht ist geboten. Warsh gilt zwar als Befürworter niedriger Zinsen, doch Experten der Investmentbank Evercore ISI warnen vor voreiligen Schlüssen. Sollte die Inflation wieder anziehen, könnte Warsh radikal umschwenken.
Die Märkte reagieren bereits nervös auf dieses Vakuum. Renditen für US-Anleihen zogen sofort an, als Hassett aus dem Fokus rückte. Trump zögert die Entscheidung hinaus, obwohl er sich längst hätte festlegen wollen. Diese Unsicherheit ist Gift für jede langfristige Strategie.
Powell könnte als einfacher Gouverneur zum Saboteur der Trump-Agenda werden
Hier liegt der eigentliche Zündstoff für die kommenden Monate. Powells Amtszeit als Chef endet im Mai, doch er könnte als regulärer Gouverneur zwei weitere Jahre im Amt bleiben. Ein solcher Schritt wäre unter Notenbankern historisch ungewöhnlich, aber strategisch brillant.
Powell würde damit im System verbleiben, um die Unabhängigkeit der Institution von innen heraus zu verteidigen. Er könnte sich als lautstarker Gegner schneller Zinssenkungen positionieren und damit Trumps Pläne durchkreuzen.
Berichten des „Wall Street Journal“ zufolge gibt es jedoch einen Ausweg. Powell wäre bereit, das Feld zu räumen, wenn Christopher Waller sein Nachfolger wird. Waller gilt als fachlich unantastbar. Trump will Powell jedoch bedingungslos loswerden, was einen Kompromiss unwahrscheinlich macht.

Das kommende Urteil des Supreme Court definiert die Machtgrenzen neu
Am Mittwoch blickt die Finanzwelt gebannt auf den Obersten Gerichtshof. Es geht um die Causa Lisa Cook. Trump wollte die Fed-Gouverneurin bereits im Sommer feuern, doch die rechtliche Befugnis dazu ist ungeklärt.
Sollten die Richter dem Präsidenten das Recht zusprechen, Cook zu entlassen, bricht der letzte Damm. Analysten sind sich einig: Ein juristischer Sieg gegen Cook wäre der Präzedenzfall, um auch Powell vorzeitig aus dem Amt zu jagen.
Damit wäre der Weg frei für eine Neubesetzung des Führungsgremiums mit loyalen Gefolgsleuten. Die Wahrscheinlichkeit für aggressive Zinssenkungen würde sprunghaft steigen – ungeachtet der makroökonomischen Realität.
Die Unabhängigkeit der Notenbank stirbt einen langsamen Tod
Investoren müssen aufhören, die aktuelle Lage als isoliertes Ereignis zu betrachten. Es ist ein systematischer Angriff. Die Unabhängigkeit der mächtigsten Notenbank der Welt verschwindet nicht mit einem Knall, sondern durch stetige, zermürbende Erosion.
Der Offenmarkt-Ausschuss besteht aus zwölf Mitgliedern. Nicht alle werden sofort ihre ökonomischen Prinzipien über Bord werfen. Doch die Botschaft der Ermittlungen gegen Powell ist bei der alten Riege angekommen: Wer sich widersetzt, wird zur Zielscheibe.
Dieser Einschüchterungseffekt entfaltet bereits seine Wirkung. Trump wird das Gremium Schritt für Schritt nach seinem Bild formen. Ist dieser Prozess erst einmal fortgeschritten, lässt er sich kaum noch umkehren. Die Ära der unpolitischen Geldpolitik ist vorbei.



