Die Übernahme markiert eine strategische Neuausrichtung im Pharma-Großhandel
Die Düsseldorfer Holding The Platform Group (TPG) vollzieht mit dem Kauf des Pharma-Großhändlers AEP einen massiven Expansionsschritt. CEO Dominik Benner übernimmt das Unternehmen von den bisherigen Hauptanteilseignern, der Österreichischen Post (51,5 Prozent) und dem Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (25 Prozent). Der Deal wurde bereits seit Sommer gerüchteweise diskutiert und nun finalisiert.
Mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Euro operiert AEP auf Augenhöhe mit der neuen Muttergesellschaft TPG. Der Kaufpreis wird unter Verschluss gehalten, Branchenkenner verorten ihn jedoch im hohen zweistelligen Millionenbereich. Für die Österreichische Post bedeutet der Verkauf den geplanten Exit, um sich strategisch auf Infrastruktur und Logistik in Südosteuropa zu fokussieren.

Die Akquisition ist kein reiner Finanzdeal, sondern zielt auf operative Synergien. TPG plant, den klassischen Großhandel mit seiner Software-Tochter Aponow zu verschmelzen, um digitale Prozesse tief in die physische Lieferkette zu integrieren.
Ein oligopolistisches Marktumfeld begrenzt die Margen für Herausforderer
Der deutsche Pharma-Großhandel ist durch extremen Wettbewerb und niedrige Margen gekennzeichnet. Vier dominante Player beherrschen den Markt: Der Marktführer Phoenix Pharmahandel (13,1 Mrd. Euro Deutschland-Umsatz), das Fusionsobjekt Alliance Healthcare/GEHE (11,1 Mrd. Euro), sowie die Genossenschaften Noweda (10 Mrd. Euro) und Sanacorp (7,4 Mrd. Euro).
AEP positionierte sich seit der Gründung 2012 als schlanker Herausforderer in diesem Umfeld. Trotz der vergleichsweise geringen Größe arbeitet das Unternehmen profitabel. Die Strategie von TPG muss nun beweisen, dass durch Tech-Integration Skaleneffekte erzielt werden können, die im reinen Handelsgeschäft gegen die Milliarden-Konkurrenz kaum möglich wären.
Juristische Rahmenbedingungen und das Skonti-Urteil erhöhen den Druck
Die Branche steht unter erheblichem regulatorischen Stress. AEP war zentraler Akteur im sogenannten Skontistreit, der im Februar 2024 in einem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs (BGH) gipfelte. Das Gericht erklärte Skonti auf verschreibungspflichtige Arzneimittel für unzulässig, sofern sie die gesetzliche Großhandelsspanne von 3,15 Prozent überschreiten.
Dieses Urteil zwang den Markt zu umfassenden Vertragsneuverhandlungen und belastet die ohnehin sinkende Marge der Apotheken. Ende 2025 fiel die Zahl der deutschen Apotheken auf rund 16.600 – ein historischer Tiefstand seit 1977.
Parallel dazu wächst die Online-Konkurrenz exponentiell. Redcare Pharmacy (Shop Apotheke) steigerte den Umsatz 2025 um 24 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro, DocMorris legte um elf Prozent zu. Die Einführung des E-Rezepts beschleunigt diese Verschiebung der Marktanteile zugunsten reiner Online-Player zusätzlich.
Die Verknüpfung mit Aponow soll die Lieferkette datengestützt beschleunigen
Der strategische Hebel der Übernahme liegt in der Software Aponow, an der TPG seit 2024 die Mehrheit hält. Das Tool ermöglicht Pharmaherstellern, Direktbestellungen von ihren Websites an lokale Apotheken weiterzuleiten (Click&Collect). Aponow ist bereits mit über 150 Herstellern und einem riesigen Apothekennetzwerk verknüpft.
Durch die Integration von AEP (7.000 belieferte Apotheken) will TPG einen geschlossenen Datenkreislauf schaffen. Hersteller und Großhändler sollen in Echtzeit Einblick in Order-Volumina erhalten.

Ziel ist es, Lieferengpässe durch präzisere Prognosen zu minimieren und die Nachbelieferung zu beschleunigen. Dies adressiert direkt die gesetzliche Verpflichtung der Apotheken, bei Nichtverfügbarkeit mehrere Großhändler abzufragen.
Die Finanzierungsstruktur wirft Fragen zur Kapitaldecke auf
Die Finanzierung des Deals erfolgt laut CEO Dominik Benner durch einen Mix aus Eigenkapital und neuen Krediten. Details zu den Kreditgebern oder Konditionen bleibt Benner schuldig. Fest steht lediglich, dass die bestehende Unternehmensanleihe, die im September 2025 auf 70 Millionen Euro aufgestockt wurde, für diesen Deal nicht weiter erhöht wird.
Diese Intransparenz trifft auf eine kritische Medienöffentlichkeit. Benner sah sich zuletzt Vorwürfen ausgesetzt, Gewinne primär durch die Übernahme unterbewerteter Unternehmen („Badwill“) zu generieren. Auch Themen wie potenzielle Insolvenzverschleppung bei ehemaligen Töchtern standen im Raum.
Benner weist diese Anschuldigungen auf einer eigens eingerichteten Webseite zurück. Für Investoren bleibt jedoch die operative Integration von AEP der entscheidende Indikator, ob das Geschäftsmodell der Platform Group auch im hochregulierten Pharmamarkt tragfähig ist.

