Ein Blackout, der sich offenbar selbst erklärt
Fast 30.000 Haushalte ohne Strom, Minustemperaturen, evakuierte Pflegebedürftige, ein mutmaßlicher Brandanschlag mit linksextremem Hintergrund. Das klingt nach einer Meldung, die man am Beginn einer Nachrichtensendung vermuten würde. In der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau am Montag reichte dafür jedoch ein knapper halber Minute.
Der Stromausfall im Südwesten Berlins wurde sachlich abgehandelt, eingeordnet zwischen Koalitionsstress in Brandenburg und der Debatte über ein Böllerverbot. Wer blinzelte, verpasste ihn.
29 Sekunden Berlin, zwei Minuten Südafrika
Nach dem Berliner Kurzbesuch schwenkte die Sendung routiniert weiter. Ein von der Deutschen Umwelthilfe initiiertes Bündnis übergab Unterschriften gegen privates Feuerwerk. Die Million war schnell erwähnt, der Hinweis auf 3,2 Millionen Unterstützer der Gewerkschaft der Polizei folgte später, fast beiläufig.
Dann aber öffnete sich der Raum. Vor dem Wetterbericht bekam ein anderes Thema fast zwei Minuten Aufmerksamkeit: die Brillenpinguine in Südafrika. Pfleger, Experten, Nahaufnahmen. Umweltverschmutzung, Schiffslärm, Überfischung, Klimawandel. Die Tiere drohen zu verhungern. Das Publikum durfte mitleiden – ausführlich und in Ruhe.

Der Anschlag bleibt Randnotiz
Zur Erinnerung: Der Berliner Stromausfall geht auf einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke zurück. Eine linksextremistische Gruppe bekannte sich dazu, die Ermittlungen laufen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt wurde mit dem Hinweis zitiert, Linksterrorismus nehme in Deutschland wieder zu.
Das war es dann auch. Keine Einordnung, kein Hintergrund, kein Brennpunkt. Während internationale Medien bereits über den Vorfall berichten, entschied sich die ARD gegen jede Form der Vertiefung.
Zuschauer reagieren weniger tierlieb
In sozialen Netzwerken fiel die Reaktion deutlich aus. Nutzer wunderten sich darüber, dass bedrohte Pinguine offenbar relevanter seien als ein Anschlag auf kritische Infrastruktur in der Hauptstadt. Formulierungen wie bizarr, Trauerspiel oder Stromterror machten die Runde.
Der Tenor: Wer Gebühren zahlt, erwartet Prioritäten. Und zwar solche, die sich an der unmittelbaren Lage im Land orientieren. Die Forderung nach Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder der Abschaffung des Rundfunkbeitrags kam wenig überraschend.
Nachrichtenwert nach Gefühl
Natürlich ist Artenschutz ein wichtiges Thema. Auch Brillenpinguine haben ihren Platz in den Nachrichten. Die Frage ist nicht ob, sondern wann – und wie lange. Wenn Menschen in einer deutschen Großstadt frieren, während Tiere am anderen Ende der Welt verhungern, entsteht ein Missverhältnis, das sich nicht mehr mit redaktioneller Vielfalt erklären lässt.
Die Tagesschau sendete ein Signal. Vielleicht unbeabsichtigt, aber deutlich: Dringlichkeit ist dehnbar. Nähe ist relativ. Und Relevanz offenbar eine Frage der Perspektive.
Berlin wartet weiter, die Pinguine waren schon dran
Bis alle Haushalte wieder mit Strom versorgt sind, wird es noch Tage dauern. Die Reparaturen laufen, heißt es. Man sei gut im Zeitplan. Für die Betroffenen bleibt vorerst der Alltag ohne Heizung, Licht und Verlässlichkeit.
Die Brillenpinguine hatten ihren Auftritt bereits. Zur besten Sendezeit.
