Die Ära von Alex Chriss bei PayPal endet nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem operativen Offenbarungseid. Nur zweieinhalb Jahre durfte der Hoffnungsträger am Ruder bleiben, bevor das Board die Reißleine zog. Es ist ein Akt der Verzweiflung in einem Moment, in dem der Payment-Gigant so verletzlich wirkt wie nie zuvor.
Ein Kursverlust von fast 29 Prozent seit Jahresbeginn ist mehr als nur eine Korrektur; es ist das Zeugnis eines tiefen Misstrauens der Anleger in ein Geschäftsmodell, das von der Konkurrenz links und rechts überholt wird.

Das Vertrauen der Wall Street erodiert nach dem radikalen Köpferollen an der Spitze
Der 1. März 2026 markiert einen Wendepunkt, der viele Beobachter fassungslos zurücklässt. Enrique Lores, der bisherige CEO von HP, soll das Unmögliche möglich machen und den schwerfälligen Zahlungsdienstleister wieder auf Kurs bringen. Dass das Board einen Hardware-Experten holt, um ein Software-Problem zu lösen, zeigt die nackte Panik hinter den Kulissen. Die Unzufriedenheit über das Tempo der operativen Veränderungen unter seinem Vorgänger war zuletzt so groß, dass eine Fortführung der bisherigen Strategie als Selbstmordkommando gewertet wurde.
In den Fluren der Konzernzentrale in San Jose herrscht dicke Luft. Ein Führungswechsel nach so kurzer Zeit signalisiert dem Markt, dass die bisherige Turnaround-Story eine reine Illusion war. Lores erbt ein Unternehmen, das nicht nur mit seiner Identität ringt, sondern auch mit einer Belegschaft, die durch den ständigen Strategiewechsel demoralisiert ist. Der Markt quittierte die Personalie zunächst mit Skepsis, da der Wechsel von Druckern und PCs zu hochkomplexen digitalen Bezahlsystemen kein Selbstläufer ist.

Die düstere Prognose für das Geschäftsjahr wirkt wie ein Vernichtungsschlag gegen die Hoffnung
Was die Anleger jedoch wirklich in die Flucht trieb, waren die nackten Zahlen des vierten Quartals 2025. PayPal verfehlte nicht nur die Umsatzziele, sondern enttäuschte auch beim Gewinn auf ganzer Linie. Doch das war nur das Vorspiel zum eigentlichen Schock: Der Ausblick auf 2026. Während Analysten ein gesundes Wachstum von acht Prozent eingepreist hatten, sprach das Management plötzlich von Stagnation oder gar einem leichten Rückgang des bereinigten Ergebnisses.
Diese Kapitulation vor dem Wachstum hat an der Börse eine Verkaufswelle ausgelöst, die den Kurs gefährlich nah an sein 52-Wochen-Tief bei rund 35 Euro drückte. Es ist das bittere Ende der Erzählung, dass PayPal von der Digitalisierungswelle nach der Pandemie dauerhaft profitieren könne. Stattdessen sieht sich das Unternehmen mit einer Realität konfrontiert, in der Margen durch aggressiven Wettbewerb weggeschmolzen werden und die einst dominierende Stellung beim Checkout-Prozess im Internet massiv bröckelt.
Brutale Kursziel-Senkungen signalisieren das Ende einer goldenen Ära für Investoren
Die Analysten, die PayPal jahrelang die Treue hielten, ziehen nun in Scharen ab. Besonders Canaccord Genuity sorgte für Entsetzen, als die Experten ihr Kursziel von 100 Dollar auf 42 Dollar mehr als halbierten. Es ist eine schallende Ohrfeige für das Management. Die Begründung ist so simpel wie erschreckend: Der Wettbewerb im Bereich „Buy Now, Pay Later“ und beim klassischen Marken-Checkout ist mittlerweile so mörderisch, dass PayPal kaum noch Alleinstellungsmerkmale besitzt.
Apple Pay und Google Pay haben sich wie Parasiten in das Ökosystem gefressen, das PayPal einst allein beherrschte. Die makroökonomischen Gegenwinde tun ihr Übriges, um die Kauflaune der Konsumenten zu trüben. Wenn die Analysten den Daumen senken, bedeutet das oft, dass das Vertrauen in die langfristige Profitabilität nachhaltig zerstört ist. PayPal wird nicht mehr als Wachstumsmaschine gesehen, sondern als Sanierungsfall mit ungewissem Ausgang.

Künstliche Intelligenz soll als letzter Strohhalm den drohenden Absturz verhindern
Inmitten des Trümmerhaufens versucht der Konzern verzweifelt, mit dem Hype-Thema Künstliche Intelligenz (KI) zu punkten. Eine neue Partnerschaft mit Sabre und Mindtrip soll Buchungsprozesse im Reisesektor revolutionieren. Es wirkt wie der Versuch, ein sinkendes Schiff mit glänzendem Lack zu streichen. Ob KI-Integrationen ausreichen, um die strukturellen Defizite im Kerngeschäft auszugleichen, ist mehr als fraglich.
Der neue CEO Enrique Lores steht ab März vor einer Herkulesaufgabe. Er muss ein Unternehmen neu erfinden, das seine besten Zeiten hinter sich zu haben scheint. In einem Markt, der keine Fehler verzeiht und in dem technologische Disruption zum Alltag gehört, hat PayPal keinen Spielraum mehr. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Payment-Riese noch einmal aufstehen kann oder ob das aktuelle Beben nur der Anfang eines langen, schmerzhaften Niedergangs ist.
An der Börse wird nicht die Vergangenheit gehandelt, sondern die Zukunft – und die sieht für PayPal derzeit so düster aus wie ein Bildschirm ohne Strom.


