Michael Burry, der Mann, der die Immobilienkrise 2008 voraussagte, hat Palantir Technologies als sein nächstes Opfer auserkoren. In einem über 10.000 Wörter umfassenden Essay mit dem provokanten Titel „Palantir's New Clothes“ (Palantirs neue Kleider) zerlegt der Hedgefonds-Manager das Geschäftsmodell des Software-Giganten in seine Einzelteile.
Seine Diagnose ist ein Schock für alle Bullen: Die Aktie sei massiv überbewertet und habe mit der finanziellen Realität nichts mehr zu tun. Nach Burrys knallharter Kalkulation liegt der faire Wert des Papiers bei lediglich 46 Dollar – ein potenzieller Vernichtungsschlag, der einen Kurssturz von über 60 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau bedeuten würde.

Besonders pikant: Burry setzt diesmal nicht nur auf markige Worte. Er hat seine Bären-These bereits mit Geld untermauert und setzt über Optionen massiv auf fallende Kurse. Für den charismatischen Investor ist Palantir kein echtes KI-Unternehmen, sondern eine „beratungsintensive Organisation“, die ihren wahren Personalaufwand hinter einer geschickt aufpolierten Software-Fassade verstecke.
Giftige Kritik an der Bilanz-Kosmetik und dem Milliardärs-Club im Management
Burrys Kritik zielt mitten ins Herz der Unternehmensführung. Er wirft dem Top-Management um Alex Karp eine aggressive Aktienvergütung vor, die den Gewinn der normalen Aktionäre systematisch verwässere. Während die Führungsriege und frühe Investoren im Geld schwimmen, bleibe für den Privatanleger am Ende nur eine astronomisch teure Hülle.
Ein weiterer Vorwurf wiegt schwer: Burry bezichtigt Palantir einer atypischen Kostenverteilung. Ausgaben, die eigentlich dem Vertrieb zuzuordnen wären, würden in der Bilanz unter Forschung und Entwicklung versteckt. Dieser Kniff lasse die Bruttomargen in einem Licht erstrahlen, das der operativen Wahrheit nicht standhalte.
Für den „Big Short“-Star ist die hohe Dichte an Milliardären im Umfeld von Palantir kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Warnsignal für eine gefährliche Blasenbildung. Er sieht ein Muster kollektiver Euphorie, das die rationalen Fundamentaldaten längst hinter sich gelassen hat. In Burrys Welt ist die KI-Plattform AIP „systematisch unzuverlässig“ und weit davon entfernt, die versprochene Revolution einzuläuten.
Analysten-Lager gespalten: 180-Dollar-Kursziele trotzen der Horror-Prognose
Doch wo Schatten ist, ist auch Licht – zumindest wenn man den etablierten Bankhäusern glaubt. Analysten von DA Davidson und Daiwa weisen Burrys Attacken entschieden zurück. Für sie ist Palantir eines der wenigen Unternehmen, das künstliche Intelligenz bereits heute produktiv und wertschöpfend in unternehmenskritische Systeme integriert hat.
Ihre Kursziele liegen bei optimistischen 180 Dollar. Die Begründung: Die US-Nachfrage nach KI-Lösungen sei ungebrochen und Palantir halte ein Innovationstempo bei, das die Konkurrenz erblassen lasse. Auch wenn die Bewertung hoch sei, rechtfertige das enorme Wachstum zumindest einen Teil des Aufschlags.

Die US-Großbank UBS und DA Davidson senkten ihre Ziele zuletzt zwar leicht von über 200 auf 180 Dollar ab, bleiben aber grundsätzlich im Lager der Optimisten. Sie verweisen auf die außergewöhnliche Bruttogewinnmarge von über 80 Prozent und ein beschleunigtes Umsatzwachstum. Es ist ein klassisches Patt-Szenario: Fundamentale Skepsis trifft auf unerschütterlichen Technologie-Glauben.
Charttechnisches Debakel: Das Kopf-Schulter-Muster nährt die Angst der Anleger
Während die Experten streiten, spricht der Chart eine deutlichere Sprache. Die Palantir-Aktie wirkt angeschlagen und hinkt dem Gesamtmarkt seit Jahresbeginn hinterher. Burry hat zudem ein bedrohliches „Kopf-Schulter-Muster“ identifiziert – eine Formation, die unter Chartanalysten als klassisches Signal für das Ende eines Bullenmarktes gilt.
Nach dem jüngsten Rutsch unter die sogenannte Nackenlinie wächst die Panik unter den Tradern. Sollte Burry recht behalten, könnten die nächsten Unterstützungszonen bei 83 oder gar 54 Dollar liegen, bevor die von ihm skizzierte „Landing Area“ bei 46 Dollar erreicht wird. Der Markt scheint sich derzeit eher an der Skepsis der Short-Legende zu orientieren als an den Träumereien der Bullen.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Wenn Michael Burry recht behält, ist der heutige Kurs von Palantir nichts weiter als eine Illusion, die beim nächsten Quartalsbericht wie eine Seifenblase platzen könnte.
An der Börse wird nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Erwartung – und die Erwartung an Palantir ist derzeit so hoch, dass selbst ein kleiner Fehltritt den Absturz ins Bodenlose auslösen kann.



