Die Ära des bequemen NATO-Protektorats ist am 31. Januar 2026 endgültig Geschichte. Inmitten einer beispiellosen diplomatischen Krise lässt Donald Trump die Muskeln spielen. Dass das US-Luftverteidigungskommando (Norad) Flugzeuge nach Grönland entsendet, wird offiziell als Routine verkauft – doch die Drohkulisse ist real.
Trump pocht auf die strategische Kontrolle über die Arktisinsel, um sein Raketenabwehrsystem „Golden Dome“ zu realisieren. Für Europa ist dies der ultimative Stresstest: Entweder die Loyalität zum „Bully“ in Washington, oder der totale Bruch eines Bündnisses, das faktisch bereits am Boden liegt.
Sicherheitsexpertin Jana Puglierin, Leiterin des ECFR-Büros in Berlin, warnt in ihrem neuen Appell „Wer verteidigt Europa?“ vor fatalen Illusionen. Echte militärische Autonomie sei ein Projekt von mindestens zehn Jahren. In Schlüsselbereichen wie der satellitengestützten Aufklärung, der integrierten Luftverteidigung und dem strategischen Transport klaffen Lücken, die sich nicht mit Geld allein schließen lassen.
Der atomare Schutzschirm wird zum Luftschloss
Die Debatte um eine europäische Atombombe, befeuert durch die Unberechenbarkeit des Weißen Hauses, hält Puglierin für gefährlich naiv. Ein kontinentaler Schutzschirm als Ersatz für die US-Abschreckung ist kurzfristig nicht in Sicht. Die Priorität müsse stattdessen auf einer pragmatischen Kooperation mit den verbliebenen europäischen Atommächten Frankreich und Großbritannien liegen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat das Angebot eines europäischen Schutzschirms zwar erneut bekräftigt, doch die Hürden sind gewaltig. Die nukleare Teilhabe Deutschlands, die bisher auf US-Bomben basierte, steht vor dem Aus, wenn Washington den Stecker zieht. Europa droht, zum wehrlosen Protektorat fremder Interessen zu werden, wenn der Aufbau eigener Fähigkeiten weiterhin im Schneckentempo verläuft.
Grönland als Schauplatz des NATO-Todeskampfes
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen findet deutliche Worte: Ein Angriff oder eine gewaltsame Annexion Grönlands durch die USA wäre das Ende der NATO. Trump scheint dieser Kollateralschaden wenig zu kümmern. Seine Interpretation der „Donroe-Doktrin“ sieht die Arktis als ureigene US-Einflusssphäre.
Für die europäischen Partner, insbesondere Deutschland, entsteht ein unlösbares Dilemma. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und andere politische Kräfte fordern bereits eine klare Abkehr von der US-Hörigkeit, während die Bundesregierung unter Friedrich Merz verzweifelt versucht, die Reste der transatlantischen Partnerschaft zu retten. Die Entsendung weniger Bundeswehr-Soldaten zur Unterstützung Dänemarks in Grönland wirkt angesichts der US-Hegeomonie wie ein symbolischer Tropfen auf dem heißen Stein.
Ein Jahrzehnt der strategischen Ohnmacht
Europa steht vor der Wahl: Radikale Aufrüstung oder politisches Verschwinden. Puglierin betont, dass es keine Alternative zur militärischen Unabhängigkeit gibt – es sei denn, man akzeptiert den Status eines Vasallenstaates. Die Zeit der Ex-post-Koordinierung, bei der die USA Fakten schaffen und Europa nur noch reagieren kann, muss enden.
Doch die Realität der Arsenale spricht eine andere Sprache. Bis Europa in der Lage ist, Aufklärung und Zielerfassung ohne US-Daten zu leisten, wird Trump seine Amtszeit längst beendet haben – und die Weltkarte womöglich unwiderruflich neu gezeichnet sein. Der „Golden Dome“ über Nordamerika lässt Europa unter einem offenen Himmel zurück.


