An den Energiemärkten herrscht nackte Panik. Am Freitag verteuerte sich ein Barrel der US-Sorte WTI um bis zu 14 Prozent – der heftigste Tagesanstieg seit den turbulenten Corona-Tagen des Jahres 2020. Die Nordseesorte Brent sprang auf fast 95 Dollar und markierte damit ein kritisches Niveau, das historisch oft schmerzhafte Börsenkorrekturen einleitete. In nur einer Woche kletterte der Ölpreis um 34 Prozent; zum Vergleich: Selbst nach der russischen Invasion in die Ukraine lag der höchste Wochenanstieg „nur“ bei 25 Prozent.
Auslöser der jüngsten Eskalation war ein Posting von US-Präsident Donald Trump auf Truth Social, in dem er eine „bedingungslose Kapitulation“ des Irans als einziges Kriegsziel nannte. Diese Rhetorik zerstört die Hoffnung der Märkte auf einen kurzen Konflikt von wenigen Wochen. Auch wenn das Weiße Haus versuchte, die Wogen zu glätten, bleibt die Angst vor einem langwierigen Flächenbrand im Mittleren Osten real.

Das Nadelöhr der Weltwirtschaft: Die Straße von Hormus wird zur logistischen Falle
Das größte Schreckensszenario für Ökonomen ist die dauerhafte Blockade der Straße von Hormus. Durch diese nur 40 Kilometer breite Meerenge fließen täglich 20 Prozent des weltweiten Öls und 30 Prozent des Flüssiggases. Aktuell meiden Tanker aus Sorge vor iranischen Angriffen die Passage, was zu einem massiven logistischen Stau führt.
Robin Brooks vom Brookings Institute verdeutlicht die Dimension: Während der Ukraine-Krieg den Ausfall von sieben Millionen Barrel russischen Öls pro Tag drohte, hängen an der Straße von Hormus täglich 20 Millionen Barrel. Damit ist das aktuelle Schockpotenzial dreimal so hoch wie im Jahr 2022. Die britische Bank Barclays hält in einem Extremszenario sogar Ölpreise von bis zu 150 Dollar für denkbar.
Inflations-Angst 2.0: Droht Europa eine neue Lohn-Preis-Spirale?
Anlagestrategen wie Beat Thoma von Fisch Asset Management warnen vor gefährlichen Zweitrundeneffekten. Steigen die Energiekosten nachhaltig über 90 Dollar, verteuern sich Produktion und Transport in fast allen Sektoren. Dies könnte die Inflationserwartungen reaktivieren und eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen, die den Spielraum von EZB und Fed für Zinssenkungen massiv einengt – oder sogar neue Zinserhöhungen erzwingt.
Besonders kritisch: Anders als vor vier Jahren sind die Staatsschulden in Europa (etwa in Frankreich) mittlerweile so hoch, dass milliardenschwere Energie-Hilfspakete kaum noch ohne explodierende Refinanzierungskosten für die Staaten finanzierbar wären. Der fiskalische Puffer ist aufgebraucht.
Fazit für Anleger: Ein Wettlauf gegen die Zeit
Der DAX hat in der vergangenen Woche bereits knapp sieben Prozent verloren, hält sich aber noch vergleichsweise stabil über wichtigen Marken. Doch Experten sind sich einig: Je länger die Straße von Hormus blockiert bleibt, desto wahrscheinlicher wird ein BIP-Einbruch im zweiten Quartal. Ein schnelles Signal für die Wiederaufnahme der Schifffahrt wäre das einzige Mittel, um das „Aufatmen“ an den Märkten einzuleiten. Bis dahin bleibt die Börse im Krisenmodus.


