Der norwegische Wasserstoffspezialist Nel ASA treibt seine technologische Neuausrichtung genau in dem Moment voran, in dem der Markt kaum Vertrauen zeigt. Anfang 2026 pendelt der Kurs um 0,19 Euro – historisch niedrig. Gleichzeitig genehmigt der Vorstand eines der ambitioniertesten Industrieprojekte der Firmengeschichte.
Herøya wird zum Prüfstein der Strategie
Nach sieben Jahren Entwicklungsarbeit erhält der Standort Herøya grünes Licht für den industriellen Ausbau. Herzstück ist die neue Pressurized-Alkaline-Plattform, die nach Unternehmensangaben eine deutlich höhere Effizienz bei niedrigeren Kosten ermöglicht.
Nel investiert zunächst rund 300 Millionen norwegische Kronen. Hinzu kommt eine zugesagte Förderung aus dem EU-Innovationsfonds von bis zu 135 Millionen Euro. Die Produktionskapazität soll bei einem Gigawatt starten und perspektivisch auf bis zu vier Gigawatt jährlich wachsen.

Das Ziel ist klar definiert: Kostenführerschaft. Ein modulares Containerkonzept soll teure Gebäude überflüssig machen und die Wasserstoffgestehungskosten so weit senken, dass Projekte auch ohne dauerhafte Subventionen tragfähig werden.
Der Kapitalmarkt glaubt der Vision noch nicht
So überzeugend die industrielle Logik wirkt, so ernüchternd ist der Blick auf die Zahlen. Der Auftragsbestand ist binnen eines Jahres um 47 Prozent auf 984 Millionen Kronen gefallen. Damit fehlt Nel kurzfristig die Visibilität für stabile Umsätze.
Zwar konnte das Unternehmen im dritten Quartal 2025 die operativen Verluste durch strikte Kostendisziplin deutlich reduzieren. Doch Sparen allein ersetzt keine Aufträge. Für Investoren zählt derzeit weniger das langfristige Potenzial als die fragile Ertragsbasis.
Auftragseinbruch belastet die Glaubwürdigkeit
Der Rückgang des Orderbuchs erklärt, warum die Aktie trotz strategischer Fortschritte kaum Boden gutmacht. In der 52-Wochen-Spanne zwischen 1,95 und 3,61 Kronen verharrt der Kurs am unteren Ende. Der Markt zweifelt nicht an der Technologie, sondern an der Geschwindigkeit der Monetarisierung.
Hinzu kommt die allgemeine Zurückhaltung bei Großprojekten. Viele Wasserstoffkunden verschieben Investitionsentscheidungen, solange Förderbedingungen, Strompreise und regulatorische Rahmen unsicher bleiben.

Partnerschaften liefern operative Lebenszeichen
Ganz ohne positive Signale ist das Bild jedoch nicht. Die Zusammenarbeit mit Samsung Engineering sowie neue Aufträge für PEM-Elektrolyseure im Volumen von mehr als 50 Millionen US-Dollar zeigen, dass Nel technologisch relevant bleibt.
Diese Projekte sind jedoch noch nicht groß genug, um den Einbruch an anderer Stelle auszugleichen. Sie wirken eher wie Beweise der Funktionsfähigkeit als wie Wachstumstreiber.
2026 entscheidet über Glaubwürdigkeit und Kurs
Für die Aktie wird 2026 zum Schicksalsjahr. In der ersten Jahreshälfte soll die neue Plattform kommerziell an den Markt gehen. Gelingt der Hochlauf im Zeitplan, könnte Nel erstmals zeigen, dass Skalierung und Kostenreduktion zusammenkommen.
Scheitert der Zeitplan oder verzögern sich Kundenprojekte weiter, dürfte der Druck auf Kurs und Finanzierung steigen. Das aktuelle Kursniveau spiegelt bereits viel Skepsis wider – aber noch keinen operativen Durchbruch.
Nel investiert also nicht am Höhepunkt, sondern am Tiefpunkt. Ob sich dieser Mut auszahlt, entscheidet sich nicht im Labor, sondern im Auftragseingang.

